ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

LESESEITE FÜR KINDER - FUNDUS


Das Lied des Pfaus

01.04.2021

An einem wunderschönen Sonnentag stolzierte der Pfau über die Wiese vor dem großen Weiher. Niemand war weit und breit zu sehen, der seinen eleganten Gang hätte bewundern können. Wehmütig lauschte er dem Gesang der Lerchen, die weit über ihm durch die Lüfte flatterten. Ach, wenn ich nur so singen könnte wie diese kleinen unscheinbaren Vögel, dachte der Pfau bei sich, zu meinem strahlenden Erscheinungsbild würde eine solch klare Stimme eindeutig besser passen. Zuweilen sind die ästhetischen Missgriffe der Natur nicht nachvollziehbar.

Eine Gruppe junger Feldhühnchen kreuzte seinen Weg. Der Pfau schlug ein Rad und wartete die Reaktion der Hühnermädchen ab.

„Schau nur“, sagte ein Küken zu seiner Mutter, „wie schön er ist.“

Na, wenigstens etwas, beglückwünschte sich der Pfau zu seinem zugegebenermaßen mageren Erfolg.

„Ja mein Kind“, erwiderte die Henne, „er sieht hübsch bunt aus. Schönheit jedoch ist etwas, was von innen heraus leuchtet und wenn es dich trifft, deine Seele berührt.

Hörst du das Schlagen der Lerchen? Ihr Gesang verkörpert wahre Schönheit. Er ist rein und klar und kommt aus tiefstem Herzen.“

Der Pfau vernahm den Dialog zwischen der Henne und ihrer Tochter.

´Blöde Hühner!´, wollte er das Gerede abtun, jedoch grämte er sich tagelang.

Nicht genug, dass der Natur der Fehler unterlaufen war, ihn nicht mit einer ihm zustehenden glockenklaren Stimme auszustatten. Nein! Hühner, das heißt Vögel mit gedrungenen Körpern und einer zum Gackern verdammten Stimme, erdreisteten sich, über ihn, den wahrlich schönsten aller Vögel, zu urteilen. Das Schlimme an alledem war, dass er tatsächlich überhaupt nicht singen konnte. Außer gellenden Schreien brachte er nichts zustande.

Er haderte mit dem Schicksal und grübelte und grübelte.

Am vierten Tag hatte er eine Idee.

Wenn er schon selbst nicht singen konnte, so war es ihm dennoch möglich, ein berühmter Dirigent zu werden. Und berühmt werden, das wollte er unbedingt.

Er lief wieder hinaus zur Wiese am Weiher zu den Lerchen, um ihnen anzutragen, unter seiner Leitung zu einem weltbekannten Chor zu werden.

Er postierte sich unter den singenden Lerchen, schlug sein schönstes Rad und wartete darauf, dass sie auf ihn aufmerksam würden. Aber die Lerchen trällerten glücklich hoch oben am Himmel, ohne sich um diejenigen zu kümmern, die ihrem Gesang lauschten.

Der Pfau rief nach den Lerchen. Jedoch die Rufe des Pfaus verhallten irgendwo zwischen Erde und Himmel und drangen nicht bis in die luftigen Höhen, in denen die Sänger jubilierten.

„Nun, wenn ihr nicht hört, muss ich ohne euer Einverständnis beginnen!“, rief der Pfau gen Himmel und zog den Taktstock aus dem Gefieder, den er sich beim letzten Kurkonzert ohne die vorherige Erlaubnis des Kapellmeisters von ihm geliehen hatte. Elegant begann er, den Taktstock zu schwingen und wiegte sich zum Gesang der Lerchen. Es war ein skurriles Bild. Mitten auf der Wiese stand ein Dirigent, nirgends war ein Orchester zu sehen.

Da kam ein Igel des Weges. Verwundert fragte er den Pfau: „Was treibst du denn hier?“

„Bitte stör mich nicht mein Freund, ich dirigiere das Konzert der Lerchen.“

„Ach, seit wann denn das?“

„Du weißt wohl nicht, dass ich der berühmte Dirigent des Lerchenchores bin? Alle Tiere der Aue wissen das.“

„Schau mal an“, schniefte der Igel und trippelte weiter.

„Kulturbanause!“, rief ihm der Pfau nach.

Nach einiger Zeit kam ein Hase angehoppelt: „Wieso tanzt du mit einem Stöckchen über die Wiese?“

„Ich dirigiere das Konzert der Lerchen. Hörst du nicht wie wunderbar sie zu meinem Taktstock singen?“

„Oh ja, ich höre es. Und du hast ihnen dieses Lied beigebracht?“

„Ja natürlich. Ich bin ein großer Meister im Gesangsunterricht.“

„Konnten die Lerchen nicht zuvor schon singen?“

„Das mag wohl sein. Aber es kommt darauf an, dass jemand deren Talent entdeckt und ihren Gesang in die richtige Richtung lenkt.“

„Du kannst also herausfinden, wer das Zeug zum Sänger hat und ihn dann zur Berühmtheit bringen?“

„Ja, so ist es. Aber hast du das noch nicht gewusst? Jeder der etwas von Musik versteht, weiß, dass ich das feinste Gehör habe und der Einzige bin, der hören kann, aus wem ein berühmter Sänger wird und aus wem nicht.“

„Aber ja, gewusst habe ich das schon. Es war mir nur entfallen.“

„Ist schon gut“, wehrte der Pfau gönnerhaft ab und widmete sich wieder seiner Arbeit.

Da kam eine Katze des Weges: „Guten Tag Herr Pfau, was vollführen Sie denn für Verrenkungen?“

„Kindchen, ich dirigiere den Gesang der Lerchen. Hörst du nicht diesen herrlichen Klang?“

„Ja, natürlich höre ich ihn. Aber was hat das mit Ihnen zu tun?“

„Durch die ordnende Hand eines Dirigenten wie mir wird aus wildem Tirilieren ein harmonischer Gesang wie dieser. Ich habe für dieses Konzert die talentiertesten Sänger ausgewählt, weil ich ein Ohr für Begabung habe. Tiere mit Kunstverständnis wissen das.“

„Äh..., eigentlich habe ich es auch gewusst. Meine Frage galt nur dieser ganz speziellen Aufführung“, ergänzte die Katze schnell.

„Vielleicht könnten Sie auch meinen Gesang für Ihre Darbietungen gebrauchen.“

Und schon warf sie sich in Pose und hub an zu singen. Es hörte sich jämmerlich an.

„Halt ein“, unterbrach sie der Pfau, „davon bekomm ich ja einen Hörsturz.“

„Pardon, Maestro, ich hätte so gern in ihrem Chor mitgesungen.“

„Es ist wirklich schade Kindchen, du siehst blendend aus. Nur an der Stimme mangelt es erheblich.“

Bei diesen Worten plusterte sich der Pfau sichtlich.

„Ich wollte es ja nur einmal versuchen. Vielen Dank großer Meister, dass du mir zugehört hast.“

Das hört sich ja schon ganz gut an, dachte der Pfau: großer Meister. Und er dirigierte weiter

Es dauerte nicht lange, da hatte es sich überall herumgesprochen, dass der Pfau der große Kenner zur Talentfindung war. Bald pilgerten Hunderte von Tieren auf die Wiese, auf der der Pfau seine Dirigentenlaufbahn begonnen hatte und ließen sich von ihm testen.

Es war eine Gejaule und Gewimmer, dass es kaum zu ertragen war.

Dennoch war das Publikum stets zahlreich vertreten. Die Einen drückten die Daumen für die Sänger, die Anderen belustigten sich über die kläglichen Versuche der Möchte-gern-Stars und die Kommentare des Maestros: der Eine schnaufe, wie eine reparaturbedürftige Dampflok; ein Anderer krächze wie ein verrostetes Türschloss; ein Nächster jaule wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten habe.

Der Pfau hatte sich die Macht genommen, über die Stimmen der anderen Tiere zu urteilen. Und alle schenkten seinem Urteil Glauben.

Nachdem er allen bescheinigt hatte, keine Fähigkeiten für die Gesangskunst zu haben, wurden die Tiere missmutig.

Der Pfau musste irgendein Talent entdecken, sonst würden ihm die Tiere nicht mehr huldigen.

Drei Spatzenmädchen waren zum Vorsingen da. Sie tschilpten ohrenbetäubend durcheinander. Jede von ihnen sang ein anderes Lied und das auf eine sehr eigenwillige Art und Weise, um ehrlich zu sein, völlig falsch.

„Oh welche Entdeckung!“ jubelte der Pfau. Das sind die Sterne am Himmel des modernen Gesanges. Welch neues beeindruckendes Genre. Welch Genuss für kunstsensible Ohren!“

Alle Zuhörer, die sich angesichts des schrillen Tschilpens die Ohren zugehalten hatten, fielen mit ein in die Beigeisterungsausrufe des Meisters, denn keiner von ihnen wollte sich einen Mangel an Kunstverständnis nachsagen lassen.

Seit diesem Tage übte der Pfau täglich mit den Spatzen. Der Missklang bei den Aufführungen des Pfau-Spatzen-Ensembles wurde weit überstrahlt vom selbstherrlichen Auftreten des schönen und selbsternannten Stardirigenten. Jede Krähe und jede Taube im Land träumte davon, vom großen Meister entdeckt zu werden, um genauso berühmt zu sein wie die Spatzenmädchen.

An einem regnerischen Tag sangen keine Lerchen in den Lüften. Sie liefen unter den Büschen herum oder saßen in ihren Nestern.

Da kam eine Kohlmeise des Weges, die gerade durch die Gesangsprüfung des Pfaus gefallen war. Sie war darüber sehr traurig und tupfte sich immer wieder ihre Tränen ab.

„Guten Tag kleine Meise“, wurde sie von einer Lerche angesprochen, „was macht dich denn so betrübt? Sind es die Wolken am Himmel, die ganz sicher morgen schon wieder weitergezogen sein werden?“

„Nein“, erwiderte die Kohlmeise, „ich bin durch die Prüfung des Meisters gefallen. Ich wollte auch so herrlich singen lernen, wie ihr es könnt.“

„Welcher Meister denn?“

„Ich meine den Pfau, der euer Dirigent ist.“

„Unser Dirigent?“

„Ja.“

„Wir haben und brauchen keinen Dirigenten für unseren Gesang. Wir singen nach Lust und Laune, ganz so, wie die Töne unserem Herzen und unserer Kehle entspringen.“

„Du meinst also, der Pfau hat euch niemals Unterricht erteilt?“

„Wie soll denn das gehen. Hast du schon einmal einen Pfau singen gehört?“

„Nein, das nicht. Aber er ist ein berühmter Musikexperte. Das weiß doch jedes Kind im ganzen Land.“

„So, so“, wunderte sich die Lerche. „weißt du, jeder hat seine eigenen Vorzüge. Du zum Beispiel hast ein markantes Federkleid, wir jedoch sind klein und unscheinbar, können aber wunderbar singen, einfach deshalb, weil es uns vom Schicksal in das Nest gelegt wurde. Der Eichelhäher kann überhaupt nicht singen, aber alle Tiere achten ihn wegen seiner Wachsamkeit. Und der Pfau ist ein wunderschöner Kerl, alle bewundern ihn, wenn er sein Rad schlägt. Aber wahrscheinlich erlaubt es ihm seine Eitelkeit nicht, sich einzugestehen, dass er weder ein guter Flieger noch ein guter Sänger ist.“

„Danke, liebe Lerche“, rief die Kohlmeise schon halb im Abflug, „und singt bald wieder!“

Die Meise flog von Nest zu Nest und verbreitete die Kunde vom Betrug des Pfaus. Keiner ärgerte sich mehr, dass er nicht singen konnte, wie eine Lerche. Der Pfau wurde nie mehr auf der großen Wiese gesehen. Die Spatzen tschilpten wieder für sich allein und niemand hielt es für moderne Kunst.

Jedoch konnten die Spatzenmütter nicht umhin, ihren Kindern zu erzählen, dass sie früher einmal sehr bekannte Sänger gewesen waren.

Und die Kinder wiederum hörten es von Baum zu Baum zwitschern, dass ein Fasan einen Schönheitswettbewerb ausgerufen habe. Der Sieger würde sehr berühmt werden. Und das wollten die kleinen grauen Spatzen unbedingt.

Und was war aus dem Pfau geworden? Er kam doch noch zu Ruhm und Ehre.

Er stand im Heimatmuseum, erstklassig präpariert, in exponierter Stellung gleich hinter dem Eingang. Man hatte sich für diesen Standort entschieden, weil so die Kassenfrau darauf achten konnte, dass die Besucher mit Sammlerleidenschaft nicht seiner immer noch herrlichen Schwanzfedern habhaft werden konnten. Jedoch besonders fanatischen Anhängern seiner Schönheit gelang auch dieser Coup.


 


23.02.2021

Glatteis


Es war einmal eine kleine Mieze, die hieß Mauja. Eines schönen Wintertages ging Mauja hinaus. Und flutsch! Gerade hatte sie die erste Pfote vor die Tür gesetzt, schon saß sie das erste Mal auf ihrem Allerwertesten. Kaum hatte sie sich aufgerappelt, schon rutschten ihre Vorderpfoten weg. So entschied sie sich, gleich zu schlittern, um überhaupt vorwärts zu kommen.

Als sie weiter auf der Straße entlang rutschte, traf sie den  schlitternden Kater Schnurr.

„Hallo“, begrüßte ihn Mauja, „es ist furchtbar, man kann überhaupt nicht richtig laufen.“

„Ich finde das super“, erwiderte Kater Schnurr, wollte schwungvoll eine Pirouette drehen und fiel dabei jämmerlich auf das Hinterteil.

„Man bräuchte Schlittschuhe wie die Menschen sie haben“, sagte Mauja.

„Dann brauchst du aber vier Stück, für jede Pfote einen“, gab Kater Schnurr zu bedenken, „und damit das Gleichgewicht zu halten, ist sicher eine Kunst.“

„Und du meinst, wir sind keine Künstler? Ha! Das werden wir ja sehen.“, behauptete Mauja und sah sich suchend in der Gegend um. Sie guckte da und schnüffelte dort. Dann schnappte sie sich ein Brett, das sie vor dem Schuppen gefunden hatte, schubste sich ab und rutschte damit auf der vereisten Straße entlang. „Oh, jäää...!“, rief sie vor Begeisterung und Kater Schnurr hüpfte völlig hingerissen auf der Stelle. „Ich brauche auch ein Brett“, rief der Kater und wühlte auch schon hinter dem Schuppen herum. Leider fand er nur eine alte Pappkiste. „Na, mal testen“, murmelte er vor sich hin, nahm Anlauf, sprang mit Schwung in die Kiste und „Jippi!“, los ging die Fahrt.

Die beiden hatten einen Riesenspaß und wieder und wieder rasten sie die Straße hinunter.

Plötzlich kam ein Auto um die Ecke gefahren, Mauja rutschte geradewegs darauf zu. Im letzten Moment konnte sie von ihrem Brett abspringen, kugelte mit Schwung in Lehmanns Vorgarten, prallte gegen einen Gartenzwerg, der warf seinen Schneemantel ab, und Mauja war unter dem Schneehaufen begraben.

Das Auto musste wegen Mauja eine Notbremsung machen, drehte sich mehrmals auf der spiegelglatten Straße und kam schließlich am Gartenzaun mit einem gewaltigen Krachen zum Stehen.

Leichenblass stieg die Mutter von Maujas Familie aus dem Auto. „Mauja, ist dir etwas passiert?“, und noch während sie fragte, begann sie, die Katze aus dem Schneehaufen  auszubuddeln. Mauja zitterte am ganzen Körper vor Kälte und vor Angst.

Die Mutter hob Mauja hoch und drückte sie fest an sich. „Du bist eine verrückte Katze, wie kannst du nur mitten auf der Straße schlittern? Beinahe hätte ich dich überfahren.“

Dann ließ sie das Katzentier wieder herunter und sah sich ihr zerbeultes Auto an. „Mein schönes Auto, und der Zaun ist auch hinüber.“

Mit eingezogenem Schwanz und hängenden Ohren trottete Mauja nach Hause.

So war der Tag, der ausgelassen und fröhlich begonnen hatte, sehr, sehr nachdenklich zu Ende gegangen.

Als Mauja abends in ihrem Körbchen lag, gelobte sie, nie wieder auf der Straße eine Schlitterpartie zu veranstalten. Und schon halb im Traum dachte sie: Wenn man auf der Wiese hinter dem Haus mit dem Gartenschlauch eine Eisbahn basteln würde, könnte doch nichts passieren. Sie lächelte bei diesem Gedanken und schlief ein.


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