ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS

 

LESESEITE FÜR KINDER - FUNDUS


Das treusorgende Eichhörnchen   27.02.2022

Fliegen                                           20.11.2021

Graubart                                        18.09.2021

Das Lied des Pfaus                        01.04.2021

Glatteis                                         23.02.2021


27.02.2022



Das treusorgende Eichhörnchen


zur Hörversion


Eines Tages lief das rotbraune Eichhörnchen durch den Wald. Und wie es so von Ast zu Ast hüpfte, vernahm es plötzlich ein Stöhnen und Klagen. Neugierig, was das sein könnte, lief es am Baumstamm hinab bis zur Mitte, um aus sicherem Abstand Ausschau zu halten.
Da sah es den Tiger im Gras liegen, neben ihm eine Blutlache und in der Hinterkeule steckte ein Pfeil. Vorsichtig wagte sich das Eichhörnchen weiter nach unten: „Hallo Tiger, kann ich dir helfen?“
„Du?“
„Warum nicht? Du musst aber schwören, mir nichts zu tun.“
„Ja, ich schwöre. Ich bin doch kein Schwachkopf meinem Helfer ein Leid anzutun.“
„Gut, ich werde versuchen, den Pfeil herauszuziehen. Aber wenn ich es nicht schaffe, darfst du mich auch nicht fressen.“
„Ist abgemacht. Los, nun mach schon!“
Das Eichhörnchen kletterte vom Baum herab auf die Wiese.
„Leg dich flach auf den Bauch“, wies es den Tiger an.
Der Tiger tat, wie ihm geheißen.
Das Eichhörnchen hüpfte auf den Hinterlauf der Raubkatze und zog so lange an dem Pfeil, bis er endlich nachgab und schließlich nach außen glitt. Dann sprach es zu dem Tiger: „Bleib liegen und rühr dich nicht von der Stelle.“ Das Eichhörnchen kehrte mit blutstillenden und heilenden Kräutern zurück und legte sie auf die Wunde. Es brachte dem Tiger Wasser und Futter und pflegte ihn ganze vier Wochen bis er wieder laufen und springen konnte.
Der Tiger bedankte sich bei dem Eichhörnchen und versprach, es mit Futter für seinen Wintervorrat zu entlohnen.
Die Kunde über dieses Ereignis breitete sich im Wald aus wie ein Lauffeuer. Die Tiere bewunderten den Mut und die Heilkenntnisse des Eichhörnchens.
Und viele kamen zu ihm, wenn sie ein Leid hatten. Meist wusste es zu helfen.

Eines Tages kam der Biber, weil sich tief in seinem Rachen einen Holzspahn eingespießt hatte.
Das Eichhörnchen mühte sich redlich, aber bekam den Splitter in der Tiefe des Rachens nicht zu fassen. Es dachte kurz nach. Dann bat es den Biber um einen kleinen Moment Geduld und rannte, so schnell es seine kurzen Beine tragen konnten, hinab zum See. Es lief durch das Schilf, solange bis es den Fischreiher gefunden hatte. Der Reiher war sehr verwundert über den Besuch, verstand jedoch sehr schnell die Dringlichkeit der Angelegenheit und erklärte sich einverstanden, den Biber von seiner Pein zu befreien.
Der Eingriff mit dem langen und geschickten Schnabel des Vogels war kurz und fast schmerzlos. Der Biber bedankte sich in aller Form und erkundigte sich, ob er seinen Großvater auch zum Reiher schicken könne, dem schon seit dem Frühjahr ein Dorn im Fleische stecke. Der Reiher war auch zu dieser Fremdkörperentfernung wie zu vielen noch folgenden bereit. So wirkten das Eichhörnchen und der Reiher fortan gemeinsam.



Eines Tages kam ein Reh auf drei Beinen angehumpelt. Das vierte war gebrochen und völlig aus der normalen Richtung gedreht. Es bat um Hilfe, sein gebrochenes Bein wieder zu richten. Doch die Kraft dafür konnten weder das Eichhörnchen noch der Reiher aufbringen.
Da dachte das Eichhörnchen kurz nach. Es bat das Reh um einen kleinen Moment Geduld und rannte, so schnell es seine kurzen Beine tragen konnten, durch den tiefen Tannenwald bis es schließlich den Bären traf. Der Bär wunderte sich über den Besuch. Jedoch, nachdem ihm das Eichhörnchen die missliche Lage des Rehs beschrieben hatte, war er einverstanden, seine Bärenkräfte zur Verfügung zu stellen.
Der Bär zog an dem verdrehten Bein des Rehs und ratsch war es wieder in der richtigen Stellung. Mit Hilfe des Reihers schiente das Eichhörnchen das kranke Bein, und nach sechs Wochen konnte das Reh wieder springen. Die Kunde über die Fähigkeit des Bären wurde im Wald von jedem Ast gepfiffen. Und so blieb auch der Bär beim Reiher und beim Eichhörnchen.


Von nun an kamen täglich kranke Tiere, das Dreiergespann um Hilfe zu bitten.
Und weil es immer mehr wurden, gesellten sich den Helfern noch weitere Eichhörnchen, Reiher und Bären hinzu. Auch dann ebbte der Strom der Hilfesuchenden aus Nah und Fern nicht ab.
Die Helfertiere hatten rund um die Uhr zu tun. So kam es, dass ihnen kaum Zeit blieb, sich um ihren eigenen Lebensunterhalt zu kümmern. Die meisten Kranken entlohnten sie mit Futter, aber das reichte nicht immer aus, um alle Helfer zu sättigen. Manche kleine Tiere waren auch nicht in der Lage, ausreichend Futter für einen Bären zu beschaffen.


Da hatte der Fuchs eine Idee. Er eröffnete gleich neben seinem Bau ein Büro und einen Lagerraum. Er schlug folgende Bekanntmachung an der großen Buche mitten auf der Waldwiese an:
„Jedes Tier ist verpflichtet zum Ersten jedes Monats ein Zehntel seines Futtermonatsetats beim Fuchs abzugeben. Damit versorgt der Fuchs die Helfertiere, die Kräutersammler, die Prothesenbauer, die Reinigungsschnecken, die Blutegel und alle am Heilen beteiligten Tiere, dass diese sich uneingeschränkt ihrer Tätigkeit widmen können und dennoch jeden Tag ausreichend zu fressen haben. So ist gewährleistet, dass auch Tiere, die nicht in der Lage sind, große Mengen Futter herbeizuschaffen, sich ohne Gewissensbisse behandeln lassen zu können. Die Solidarität unter den Tieren gleicht diese Unstimmigkeit aus. Gezeichnet: Das Tiere-ohne-Sorgen-Büro.“
Die Tiere fanden diese Idee wunderbar, denn alle schienen davon einen Vorteil zu haben. Auch der Fuchs. Da er den ganzen Tag mit Organisieren und Einsammeln und Verteilen zu tun hatte, durfte er sich natürlich auch vom gemeinsamen Topf bedienen.

Das Tiere-ohne-Sorgen-Projekt wurde weit über die Grenzen des Waldes hinaus bekannt. Tausende leisteten regelmäßig Abgaben, die Anzahl der Heiler, deren Helfer und Helfershelfer wurde immer größer und immer mehr Tiere kamen täglich und baten um Hilfe.
Es war schon längst nicht mehr so, dass nur Kranke und Verletzte behandelt wurden. Auch Altersschwachen wurden abgenutzte Teile ausgetauscht, es gab neue Gelenke, komplette neue Pfoten oder Flügel, altersschwache Herzen wurden renoviert. Wer mit der Form seines Schnabels oder seiner Ohren nicht zufrieden war, bekam eine Veränderung derselben. So kam es, dass die Tiere sich mit unabwendbaren Dingen des Lebens nicht mehr abfanden, so wie es Generationen vor ihnen getan hatten, sondern jedem kleinen Makel ihres Körpers sofort nachgingen und ihn reparieren ließen.
Das Eichhörnchen war über diese Entwicklung gar nicht froh, denn mit seinem Anliegen des Heilens hatte das fürwahr nichts mehr zu tun. Es hatte sich mit dem Reiher und dem Bären zusammengetan, um kranken Tieren zu helfen, nicht um ganztägig Dauerwunscherfüller zu sein. Seine Kräfte waren am Ende. Schon oft hatte es darüber nachgedacht, seinen alten Kobel zu verlassen und irgendwo hinzugehen, wo keiner seine Fähigkeiten kannte. Dann aber taten ihm diejenigen Tiere leid, die wirklich seine Hilfe brauchten, und es brachte den Weggang nicht über das Herz.
Weil der Fuchs das Einsammeln der Futterspenden nicht mehr allein bewältigen konnte, half seine ganze Familie einschließlich Neffen und Vettern mit im Büro, die sich selbstverständlich auch von den Vorräten üppig bedienten und ein Leben im Überfluss führten.


Nach einiger Zeit aber reichten die Abgaben der Tiere, die der Fuchs einsammelte, nicht mehr, um alle helfenden Bären zu füttern. So geschah es, dass der Bär zu schwach war, dem Bullen ein ausgekugeltes Bein wieder einzurenken. Der Bulle war außer sich. Er fühlte sich betrogen. Jeden Monat hatte er reichlich Futter und seine Frau Milch abgegeben. Jetzt wollte er eine Hilfe, die er eigentlich schon seit Jahren abgegolten hatte, und bekam sie nicht.
Er beschwerte sich beim Fuchs.
Der Fuchs bedauerte den Vorfall, wusch aber seine Hände in Unschuld. Die Helfertiere und Kräutersammler hätten die Vorräte einfach aufgefressen und verschleudert, erklärte er dem wütenden Bullen. Unverrichteter Dinge humpelte dieser davon.
Am nächsten Tag teilte der Fuchs den Eichhörnchen, den Reihern, den Bären und allen ihren Helfershelfern mit, dass die Vorräte nur noch für die Hälfte der Ihrigen ausreichten. Entweder müsse sich ein Teil der Helfer in einem anderen Wald verdingen oder jeder bekäme nur noch die halbe Ration. Wer jedoch unter diesen Umständen nicht in der Lage sei, die volle Leistung zu erbringen, sei es nicht wert, zu den Helfertieren zu gehören.

Am Abend dieses Tages hielten die Helfer eine Versammlung ab. Sie konnten sich aber nicht einigen, wer gehen und wer bleiben solle. Denn jeder hatte in ihrer Gemeinschaft seine ganz spezielle und wichtige Aufgabe, der eine konnte am besten den grauen Star stechen, der andere Warzen entfernen, der nächste kannte die Kräuter gegen Verdauungsbeschwerden. So waren alle unersetzlich, und die Tiere, die ihnen vertrauten, wären enttäuscht gewesen. Und als am nächsten Morgen wieder Hasenfamilien, Büffelherden, Wolfsrudel und Vogelschwärme Schlange standen, blieben alle Helfer da.
Am folgenden Abend verteilte der Fuchs nur die halbe Ration.
Nun entschieden die Heiler, nur noch diejenigen zu behandeln, die wirklich krank oder verletzt waren. Um alles das, was lediglich dem Aussehen oder dem Wohlfühlen diente, sollten sich die Tiere selbst kümmern. Dem dicken Mops sagte das Eichhörnchen, er solle weniger fressen und mehr laufen. Der Katze mit dem verfilzten Fell hießen sie, sich täglich zu putzen. Dem Windhund mit den Gelenkschmerzen rieten sie, weniger Rennen zu laufen, aber sich dennoch täglich zu bewegen. So hatten sie für jeden einen nützlichen Rat zur Selbsthilfe, denn die Weisheiten ihrer Vorfahren hatten fast alle Tiere vergessen. Jeder sollte wieder lernen, für sich selbst verantwortlich zu sein.
Darüber waren die Tiere sehr erbost. Schließlich hatten sie jeden Monat ihren Beitrag beim Fuchs abgegeben, um sich alle Unbill abnehmen zu lassen.
Sie bewarfen den Kobel des Eichhörnchens, das Nest des Reihers und den Bau des Bären mit Steinen und Unrat.
Dann zogen sie zum Fuchsbau. Die Familie saß gerade gemeinsam beim Mahl. Den Tieren gingen die Augen über, wie der Tisch der großen Fuchsfamilie mit Speisen und Leckereien beladen war, alles Dinge, die sich die Tiere vom Munde abgespart hatten. Sie zwangen durch ihre Übermacht den alten Fuchs, die Vorratskammern zu öffnen. Die Regale waren leer, von ihren Abgaben war tatsächlich kaum noch etwas da.
Allen voran stellte sich der Bulle vor dem Fuchs auf. Sein rechtes Hinterbein zog er nur noch ein klein wenig nach. Ansonsten war er bestens bei Kräften. Das war dem Fuchs unheimlich.
„Meine lieben Tiere“, sprach der Schlaue, „wenn jeder alles will, bleibt für alle nichts.“
„Und was ist mit dir und den Deinen?“
„Wir haben uns redlich bemüht, es allen recht zu machen.“
„Und was soll jetzt werden?“
„Ihr werdet alle mehr abgeben müssen, wenn es so weitergehen soll, wie bisher.“
Die Tiere riefen alle durcheinander: „Halsabschneider“, „Nimmersatt“, „Betrüger“...
Auf den Bäumen vor dem Fuchsbau hatten sich schon die Geier versammelt. Sie warteten darauf, dass das große Zerfleischen beginnen würde. Es gäbe ein Festmahl.
„Das Eichhörnchen ist an allem schuld!“, rief Frau Fuchs, um ihrem Mann beizuspringen.
„Das glauben wir nicht“, rief ein Teil der Demonstranten.
„Los, wir greifen uns das Eichhorn!“, riefen die anderen und liefen los zu seinem Kobel.
Damit war die protestierende Menge schon auf die Hälfte reduziert. Der Fuchs wischte sich heimlich den Schweiß von der Stirn.
„Der Reiher ist schuld. Er wollte von Tag zu Tag mehr!“, rief der Schwager, der beim Fuchs als Bürovorsteher angestellt war.
„Das glauben wir nicht“, rief eine Gruppe der Aufständischen.
„Los, wir machen den Reiher fertig!“, johlten die Übrigen und machten sich auf den Weg.
Das sieht schon günstiger für mich aus, dachte der Fuchs, wieder ist ein Teil der Wütenden verschwunden.
„Der Bär ist schuld, er ist ein gefräßiger Nimmersatt!“, rief der Neffe des Oberfuchses.
„Das glauben wir nicht, er lügt“, rief ein kleiner Teil der Protestierenden.
„Los, wir schnappen uns den Bären, er wird büßen müssen!“, beschloss der andere Teil und machte sich auf den Weg zur Höhle des Bären.
Die restlichen Demonstranten waren nur noch ein kleines Grüppchen und nicht stark genug, um sich mit der Großfamilie Fuchs anzulegen.
„Ihr könnt zum nächsten Abgabetermin am Anfang kommenden Monats euer Anliegen in schriftlicher Form einreichen“, erklärte sichtlich erleichtert der Fuchs dem verbliebenen Häuflein. „Und nun husch, nach Hause mit Euch!“
Mit gesenkten Häuptern verließen sie die Wiese vor dem Fuchsbau.
Die Geier waren enttäuscht über den Lauf des Geschehens. Das üppige Mehrgängemenü war wieder von Speisekarte gestrichen worden. Wie schade.
Als die aufgebrachte Menge am Kobel des Eichhörnchens, am Nest des Reihers und an der Höhle des Bären ankam, waren deren Wohnungen verlassen. Das Dreiergespann war auf dem Weg in ein fuchsfreies Land.
Auch dort halfen sie den Tieren, die von Missgeschicken oder Krankheit heimgesucht wurden. Aber sie gaben die Entscheidungen über ihre Arbeit nie wieder aus der Hand, nie wieder ließen sie sich von anderen verwalten oder bevormunden und kaufen nimmermehr.
Das Leben der Geier im Fuchsland wurde einfacher. Es geschah, dass kranke oder verletzte Tiere einfach am Wegesrand liegen blieben und verendeten. Durch das verbesserte Nahrungsangebot konnten sich die Geier immens vermehren. Ob aber aus dem Fuchs- ein Geierland geworden ist, wurde nicht überliefert.




20.11.2021



Fliegen


Es war einmal eine kleine Mieze, die hieß Mauja. Eines stürmischen Herbsttages ging Mauja hinaus. Der Wind war so kräftig, dass die kleine Katze nicht geradeaus laufen konnte, weil sie immer wieder nach rechts gegen Frau Dankwarts Gartenzaun gedrückt wurde: Boing, boing, prallte sie dagegen.
Da kam ihr Kater Schnurr entgegen, auch er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Er klammerte sich an einer großen Plastetüte fest. Wenn der Wind in die Tüte fuhr, hob der kleine Kater ein Stück vom Boden ab. Das sah sehr lustig aus.
„Was machst denn du mit der Riesentüte?“, brüllte ihm Mauja entgegen. Aber das Heulen des Windes verschluckte ihre Stimme. Erst als sie beieinander standen, konnten sie sich verstehen.
„Tüte?“, erwiderte Schnurr, „das ist mein Fallschirm!“
„Du fällst doch gar nicht.“
„Aber ich kann damit fliegen. Dann ist es eben mein Segel.“
„So, so“, sagte Mauja, „du bist also ein Boot.“
„Ein Flugboot sozusagen. Das macht Spaß! Musst du unbedingt probieren!“
„Ehrlich?“, fragte Mauja ein wenig ängstlich. Dann aber siegte die Neugier. „Warte einen Moment, ich suche mir auch ein Segel.“ Sie verschwand im Haus, um nach einer Weile mit einem großen rot karierten Geschirrtuch aufzukreuzen.
„Guck mal!“, sie fasste es an allen vier Zipfeln und schon hatte sie der Wind gepackt und trug sie ein Stück davon.
Kreischend vor Freude ließen sich die beiden über die Wiese treiben, und sie flogen immer weiter und immer höher.
Von oben sahen sie auf Frau Dankwarts Garten, auf die große Wiese und den Froschteich. Und es ging immer höher und weiter.
„Wie funktioniert denn hier das Bremsen?“, schrie Mauja Kater Schnurr zu.
„Keine Ahnung!“
Unter ihnen rauschte die dicke Weide vorbei und die Pferdekoppel. Sie wurden geradezu in Richtung Auenwald getrieben, dahinter war der große Fluss.
„Wir müssen springen!“, rief der Kater, „sonst fliegen wir zu weit weg.“
„Auweia, ich habe Angst!“
„Los Mauja, uns bleibt nichts weiter übrig. Auf drei springen wir! Eins, zwei, drei!“
Beide ließen ihre Fallschirme los und zwei schreiende Katzen purzelten vom Himmel: „Ahhh…!“
Die Notlandung glückte und die Flieger landeten tatsächlich auf ihren Pfoten. Nur Mauja schürfte sich ein wenig Haut vom Rosa ihrer Pfotenballen ab. Sich gegen den Sturm stemmend traten sie den weiten Rückweg an, vorbei an der Pferdekoppel, dem Froschteich, über die große Wiese. Mauja hinkte etwas und jammerte, weil es beim Laufen an der Hinterpfote zwirbelte.
Als sie endlich zu Hause angekommen waren, begann es schon dunkel zu werden.
Mauja setzte sich vor die Tür und mauzte so laut sie konnte. Das Mädchen öffnete. „Mauja, wo kommst du denn her? Ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil es heute so stürmisch ist.“ Sie nahm die Katze mit in das Haus, striegelte ihr das zerzauste Fell, kraulte sie und gab ihr Futter. Mauja hatte einen Riesenhunger. Und als sie satt war, spürte sie, dass sie sehr, sehr müde war, kuschelte sich in ihr Körbchen und träumte vom Fliegen.




18.09.2021



Graubart


Im Sommer-Winter-Land, das südlich des Meeres und nördlich der Berge liegt, hatten die Tiere den König abgeschafft. Sie waren der Meinung, dass es nicht anginge, dass der Löwe nur durch die Gnade der Geburt das Recht habe, König zu sein.  

So gab es nun schon seit der Generation der Großväter das Gesetz, dass das Oberhaupt der Tiere aller vier Jahre neu zu wählen sei.

Jedes Tier durfte sich um das Amt des Sagers, desjenigen, der im Land das Sagen hatte, bewerben.

Bis zur gerade ausgerufenen Wahl hatte der Bulle dieses Amt innegehabt. Er war sogar das letzte Mal wiedergewählt worden, weil er fast  alle Wünsche des Tiervolkes hatte erfüllen können. Ein großes Stück Weide und Wald, das dem Sommer-Winter-Land vor langer Zeit durch missliche Umstände abhanden gekommen war, hatte er in seiner Regierungszeit wieder zurückgewonnen. Dafür lobten die Tiere den Bullen über alle Maßen, denn es war ein treffliches neues Jagd- und Weideterrain. Zwar waren die Tiere, die es dort zu jagen gab, nicht sonderlich fett und die Weiden nicht all zu saftig. Aber die neue Zone brachte Schwung in das langsam dahinfließende Leben, weil es galt, das Gelände in neue Einfluss-,  Macht und Besitzgebiete aufzuteilen. Im bisher genutzten Landstrich waren die Weiden längst angestammt und die Jagdrechte festgelegt.

Die Tiere, die bisher in dem hinzugekommenen Gebiet gelebt hatte, störten bei der Erschließung nicht sonderlich. Wenige von ihnen waren stark genug, ihr Jagdgebiet gegen die neuen Mitbesitzer zu verteidigen. Und den Pflanzenfressern war es egal, wo sie fraßen. Sie grasten jetzt auch auf den Wiesen, die zum Ursprungsland des Bullen gehörten und fanden, dass das Gras dort deutlich besser schmeckte als jenes, das sie seit Jahren fraßen und dass es auch viel grüner war.

Den Tieren des alten Sommer-Winter-Landes gefiel das jedoch gar nicht. Sie wollten zwar neue Weiden haben, aber keine neuen Fresser auf der eigenen Wiese. Dennoch hatte der Bulle Kraft seines Amtes befunden, dass die neuen Brüder und Schwestern mit auf allen Weiden grasen durften und forderte seine alteingesessenen Tiere zur Solidarität auf.

Nach geraumer Zeit war das neu hinzugewonnene Land kahl gefressen und die Eroberer verloren das Interesse daran. Sie gingen in ihr Ursprungsland zurück. Es war weniger üppig als vor der großen Eroberung, aber es reichte aus, um alle zu sättigen. Dennoch waren die Tiere unzufrieden, und sie schimpften auf ihren Sager.

Um das Volk friedlich zu stimmen und seinen Platz als Sager zu retten, tat der Bulle das, was bereits viele seiner Vorgänger getan hatten. Er begann, die eingelagerten Vorräte unter den Tieren zu verteilen. So wurden nicht nur alle satt und vor allem wieder friedlich, sondern es gab wieder alles im Überfluss.

Das konnte nicht ewig gut gehen. Es kam die Zeit, da es nicht mehr täglich Frischfutter gab, sondern auch Heu und getrocknete Früchte und Körner vom Vorjahr. Schon zwitscherten die ersten Spatzen von einer Krise. Und die Regenwürmer hörten das Gras wachsen. Und das Chamäleon sprach davon, dass sich alles ändern müsse.

Seit vier Wochen waren alle Tiere in den Bann der Sager-Wahl gezogen. Die große Wiese mitten im Buchenwald war zur Schaubühne geworden. Die Bewerber für das Sager-Amt hielten Reden, in denen sie den anderen Tieren erklärten, wie sie das Land regieren würden, wenn sie das Sagen hätten.

Der Bulle, der sich abermals bewarb, erinnerte  in seiner Ansprache daran, was sie gemeinsam mit der Landvergrößerung geschafft hatten.

Wer braucht die schon, dachten da die Tiere. Sie hat nur Unglück gebracht, erinnerte sich der Fischotter und ihm gruselte jetzt noch vor der Gräte, die ihm im letzten Jahr fast das Leben gekostet hätte. Und der Hase dachte daran, dass er sich am Dornenbusch einen Dreiangel in das Fell gerissen  hatte, den man beim genauen Hinschauen immer noch ein wenig erkennen konnte.

Das Wiesel versprach Spaß für alle.

Der Schwarzbär wollte die marode Moral retten.

Das Schwein versprach suhlen nach Lust und Laune.

Und das Rotkehlchen wollte einen vegetarischen Pflichterlass für das ganze Land, was besonders die Würmer und das sonstige Kleingetier begeisterte und die Raubtiere das Fürchten lehrte.

Alle waren fasziniert von dem Spektakel. Sie jubelten ihrem Favoriten zu oder buhten die Redner der Gegenseite aus. Die Sager-Anwärter liefen in dieser Zeit zur Höchstform auf. Sie beschworen, gestikulierten und versprachen. So war es nicht vorrangig wichtig, ob die Visionen, die sie entwarfen, tatsächlich ihrem späteren Handeln entsprechen würden oder nicht. Einzig und allein für die Gunst der Hörerschaft entscheidend war, wer die beste Show ablieferte. Der Akteur musste sympathisch erscheinen und bei den Zuhörern positive Gefühle auslösen. Er musste ihnen ihre heimlichen Ängste nehmen, so dass sie sich sicher fühlten. Er musste ihnen nahe bringen, dass er alle ihre Probleme lösen könne, so wie das früher Vater oder Mutter getan hatten. Er musste ihnen die Verantwortung und die Sorgen abnehmen. Für alle solle immer genug zu fressen da sein, unabhängig von Dürren oder Überschwemmungen und unabhängig vom Hunger der großen und ganz großen Tiere. Sicherheit solle es geben unabhängig von der Jagdsaison. Und wer selbst nicht mehr den beschwerlichen Weg zur nächsten grünen Wiese zurücklegen könne, solle von den anderen Tieren gefüttert werden. Wer selbst nicht mehr jagen könne, solle die erlegte Beute von den anderen Raubtieren gebracht bekommen. Alle Tiere träumten von so einem Leben im Paradies.

Und von eben diesem Paradies sprach auch der geschmeidige Hund, dessen gewelltes seidiges schwarzes Fell wunderbar in der Sonne glänzte. Besonders die jungen Hunde- und Katzendamen, aber auch die älteren Kühe hingen wie gebannt an seinen Lippen, während er das Bild einer heilen Welt entwarf. Er wollte gemeinsam mit der Hilfe aller die Vorratskammern wieder auffüllen, die sein Vorgänger so nachlässig habe leer fressen lassen.

Nur ein klein wenig Mühe solle am Anfang stehen, dann käme das Schlaraffenland.

Natürlich gab es auch während seines Auftritts im Publikum ein paar Miesmacher.

Die Schildkröte meldete sich zu Wort und gab zu bedenken, dass in ihrem ganzen zweihundertjährigen Leben solch ein Experiment von der Wiedererschaffung des Paradieses  nicht geglückt sei.  

„Hört sie, die Schildkröte, die Ungläubige“, kreischte das Wiesel und der schöne Hund lächelte dazu wohlwollend , „wir sind innovativ und zukunftsorientiert! Trennt euch von der Verkrustung der Vergangenheit! Wir werden neue und bessere Wege beschreiten!“ Das Publikum tobte. Die Schildkröte schüttelte den Kopf  und zog sich  in ihren Panzer zurück. Es ist immer wieder dasselbe, dachte sie. Niemand nimmt sich die Zeit und macht sich die Mühe, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Sie beschloss, in zwei Jahren nachzusehen, wie es diesmal laufen würde. Oder lieber erst in vier. Sie zupfte sich ein frisches Salatblatt aus einem Trog, den das Schwein eigens für das leibliche Wohl seiner Gäste hatte herbeischleppen lassen, knabberte etwas daran herum und verlor kein Wort mehr.

Das Schwein indessen überlegte, wie es den Einwurf der Schildkröte für seine Zwecke nutzen könnte.

Auch die Eule war ein Querulant, eine derer, die die schöne Aufbruchsstimmung verderben wollten. Sie forderte, dass es auf jeder Wiese einmal im Jahr einen Monat Fressverbot geben solle, dass das Gras und die Kräuter wieder nachwachsen könnten. Und sie verlangte, dass Jungtiere unter einem Jahr noch nicht gejagt werden dürften, weil sie als Delikatesshappen noch keinen Sättigungswert hätten. Über den zweiten Vorschlag freuten sich die Hasen und die Feldmäuse sehr. Aber dass sie auf ihrer angestammten Waldwiese einen Monat  lang nicht fressen sollten, sondern die Beschwerlichkeit der Wanderung zur nächsten Lichtung auf sich nehmen sollten, fanden sie untragbar. So ein Vorschlag könne nur von einem intellektuellen Überflieger kommen, der keine Ahnung vom bodenständigen Leben habe.

„Jedes Tier hat das Recht auf einen immer verfügbarer Fressplatz, und zwar vor seinem Bau!“, riefen sie in die Menge.

„So, so“, sprach die Eule, „Hochmut kommt vor dem Fall“, und flog auf die alte Eiche zurück. „Dann schauen wir also wieder einmal wissenden Auges zu“, sprach sie nur noch zu sich selbst und zog die Stirn in Falten.  

Nachdem vier Wochen lang das Leben im Wald fast darnieder gelegen hatte, endete der Ausnahmezustand mit einem rauschenden Fest.

Der von allen geliebte Hund mit dem glänzenden schwarzen Fell war neuer Sager geworden. Er war es, der mit seiner Darbietung die Herzen der meisten Tiere erobert hatte.

Am nächsten Tag zog er in den Sager-Palast ein.

Der Bulle hatte schnaufend seine Habseligkeiten gepackt und war wieder zu seiner Familie gezogen. Als Dank für seine Amtszeit bekam er jedoch für den Rest seines Lebens jede Woche einen Riesenballen Heu vor seinen Stall gelegt, dass er niemals hungern und darben müsste. Trotzdem war er traurig als er ging.

Danach war der Hund allein im Palast. Er ging von Raum zu Raum und betrachtete alles: den großen alten Schreibtisch, den Konferenzsaal und den Balkon, auf dem er sich jeden Mittwoch zu zeigen und zu seinem Volk zu sprechen hatte. Gleich rechts neben der Balkontür  würde er einen großen Spiegel anbringen lassen, um problemlos vor jedem Auftritt überprüfen zu können, ob er tatsächlich gut aussah. Aber heute war erst Sonntag.

Er schlenderte weiter von Raum zu Raum bis er schließlich zu den Vorratskammern gelangte. Er öffnete die große schwer Eichentür und erschrak. Die Kammern waren fast leer!

Wie sollte er da seine Ankündigung wahr machen? Ein wenig gemeinsame Mühe und dann sollte es allen prächtig gehen. So wie es hier aussah, schien schon seit Jahren keine vernünftige Vorratswirtschaft mehr betrieben worden zu sein. Wo war er da hineingeraten? Wie sollte er den Tieren die Wahrheit sagen?

Wie er so vor sich hin sinnierte, konnte er gerade noch sehen, dass eine Ratte mit einem Sack Getreide aus der Hintertür verschwand. Er lief sofort los, um ihr nachzujagen. Er wusste, dass er den Dieb töten müsste. Mitten im Lauf hielt er inne.

Was macht das für einen Eindrucke, wenn man schon am ersten Tag seiner Herrschaft ein totes Tier aus seinem Palast trüge? Zum einen litte sein Ansehen, zum anderen ist es allgemein  bekannt, dass sich die Ratten in der Kornkammer bedienen. Selten wird eine dafür getötet, nur wenn es sich überhaupt nicht vermeiden lässt, denn die Anwesenheit der Ratten schützt die Vorräte vor anderem Ungeziefer und vor der Plünderungen durch hungrige Tiere.

Er lief nach draußen, um besser nachdenken zu können, die große breite Treppe hinunter, aus dem Eingangsportal hinaus. Vor dem Palast angekommen, hörte er ein Zwitschern und Tschilpen. Als er zum Dach schaute, erblickte er hunderte Vogelnester in der Dachrinne.

Er rief den Spatzen und Meisen zu, dass sie ihre Nester nicht in der Dachrinne bauen sollten. Bei Regen würde die Rinne verstopfen und überlaufen. Das Haus würde nass werden und die Vorräte würden verderben.

„Und wo sollen unsere Kinder hin?“, riefen die Mütter aus den Nestern. „Wir nisten jedes Jahr hier. Willst du es uns verbieten? Was bist du für ein Herrscher?“

„Nein, natürlich nicht. Aber es ist nicht gut so.“

„Nicht gut?“, kreischten alle Vögel durcheinander, „wir werden protestieren!“

„Es ist schon gut,...ja...gut...“, stotterte der Hund kleinlaut und lief wieder ins Haus.

Es war Mittwoch, Balkontag. Der Hund hatte stundenlang vor dem Spiegel geübt, wie er sich während der Rede bewegen würde, wie er schauen würde, hatte probiert, welches Halsband das passende zum Anlass wäre und was für eine Rede er halten solle. Nun war es soweit. Ein kurzer Blick in den großen Spiegel sagte ihm, dass alles perfekt saß. Die Mundwinkel hob er schon jetzt zu einem Lächeln nach oben und ließ sie in dieser Stellung verharren. Dann trat er hinaus.

Das Volk begrüßte ihn mit einem Riesenapplaus. Da begannen auch seine Augen zu lächeln. Er bedankte sich noch einmal höflich für das Vertrauen, das ihm die Tiere mit der Wahl zum Sager entgegen gebracht hatten. Dann begann er vorsichtig, eine Lagebeschreibung zu skizzieren, sprach von den leeren Vorratskammern und den defekten Dachrinnen. Die Anwesenheit der Ratten wagte er nicht zu erwähnen. Er rief alle auf, gemeinsam die Probleme zu lösen.

„Und wie?“, rief ein Schaf aus dem Auditorium.

„Bis die Vorratskammern wieder voll sind, muss jeder von uns ein wenig kürzer treten“, kündigte der Hund an. Damit löste er einen Aufschrei des Entsetzens aus.

„Also ich mit meinen zwölf Kindern, kann nichts abgeben!“, entrüstete sich die Ziege.

„Musst du auch nicht“, versuchte der Hund einzulenken.

„Wir brauchen alles selbst, wir bauen gerade ein Haus“, summten die Bienen.

„Ich weiß“, beschwichtigte er.

„Wir können nichts abgeben“, muhten die Kühe, „sonst wird die Milch zu dünn“.

„Das ist ja selbstverständlich.“

„Auf Grund unseres Alters steht uns die volle Ration zu“, sprachen die Schildkröten.

„Daran rüttelt auch keiner.“

„Als Bewacher der Kornkammern müssen wir topfit sein“, forderten die Ratten.

„Das ist bekannt.“

„Wer soll denn dann etwas abgeben?“, fragte die Eule.

„Das wird zu gegebener Zeit entschieden“, teilte der schöne Hund seinen Zuhörern mit, beschwor noch ein wenig halbherzig die Solidarität, lobte die Schönheit des Landes und die Klugheit seine Bewohner. Mit seinem allerschönsten Lächeln verließ er den Balkon. Das Volk zollte ihm Beifall.

So ging es Mittwoch für Mittwoch. Der Hund war klug genug, zu sehen, was er verändern musste, um das Land wieder auf den rechten Weg zu bringen. Aber er war nicht mutig genug, die nötigen Veränderungen durchzusetzen. Dieses ständige Ringen zwischen seinem Gewissen, klug und weitsichtig regieren zu wollen, und seiner Eitelkeit, überall beliebt zu sein, machte ihn krank und unzufrieden. An seinem Kinn erblickte er in einer seiner traurigsten Stunden die ersten grauen Haare und auch an seiner rechter Vorderpfote wuchs ein weißes Haar. Sein tadellos glänzendes schwarzes Fell war sein ganzer Stolz gewesen.  

Völlig zerknirscht lief er hinunter zum Flussufer, setzte sich an die Böschung und starrte auf das langsam dahinfließende Wasser. Dann folgte sein Blick dem Flusslauf abwärts bis er sich in der Unendlichkeit des Meeres verlor. Plötzlich entdeckte er am Ufer etwas Zappelndes. Er lief  bis zu jener Stelle und entdeckter einen gestrandeten Tintenfisch.

„Hallo Kleiner, lebst du noch?“, fragte er und stupste die Kreatur mit der Pfote an.

Flatsch! Ein Tintenstrahl landete auf dem Hundefell.

„He, ich will dir doch nur helfen, und du spritzt mich einfach voll!“

Der Tintenfisch schlotterte vor Angst.

Der Hund war wütend, er hatte es nur gut gemeint. Doch da entdeckte er etwas Unglaubliches! Sein weißes Haar an der rechten Vorderpfote war wieder schwarz.  

„Bitte wirf mich doch endlich wieder in das Wasser!“, japste der Tintenfisch.

„Momentchen, kannst du mir erst noch meine Schnauze mit deiner Tinte färben?“

„Wasser, bitte mich... in das Wasser...“

„Ja, ist doch gut, mein Kleiner.“ Und kick, war der Tintenfisch wieder in das kühle Nass befördert.

„Danke, du hast mir das Leben gerettet.“

„Wie war das gleich, hab ich da jetzt nicht einen Wunsch frei?“

„Das mag sein. Aber was kann ein Tintenfisch wie ich einem so stattlichen Hunde schon für einen Wunsch erfüllen?“

„Können wir uns zu jedem Vollmond hier treffen?“

„Ja meinetwegen. Und wieso?“

„Du könntest mir mit deiner Tinte meine grauen Haare wieder dunkel färben.“

„Und wozu soll das gut sein?“

„Dass niemand sieht, dass ich vor lauter Sorgen graue Haare bekomme.“

„Ist denn das so schlimm?“

„Nein. Oder eher ja. Wenn ich schon graue Haare bekomme, denken die anderen Felltiere, dass ich ein Schlappschwanz bin.“

„Also ich verstehe die Hunde nicht. Muss ich auch nicht. Glaub ich jedenfalls. Komische Probleme haben die. Aber abgemacht. Wir sehen uns zu jedem Vollmond. Und jetzt Achtung!“ Ein dicker Tintenstrahl traf das Kinn des Hundes.

Alle grauen Haare waren verschwunden.

Guter Dinge trat am nächsten Mittwoch der Hund auf den Balkon vor sein Volk. Sein Fell glänzte tiefschwarz in der Sonne. Er sah wunderschön, mutig und selbstbewusst aus.

„Schaut nur, wie schön er ist!“, riefen die Kühe und Ziegen.

„Na, heute scheint er nicht durchzuhängen“, grinsten die Stiere.

Und wieder sprach der Sager davon, was geändert werden müsste. Und wieder forderte jeder der Angesprochenen eine Ausnahmeregelung. Und wieder waren die Vorratskammern  noch ein wenig leerer als zuvor.

Schon eine Woche später ließ sich kaum noch einer vom Glanz des schönen schwarzen Hundes beeindrucken. Und so ging Woche für Woche ins Land und nichts bewegte sich. Alles wurde immer schlimmer und die Tiere wurden immer unzufriedener.

Es geschah sogar, dass faule Früchte oder Eier auf den Balkonredner geworfen wurden oder dass ihm eine wütende Wildkatze am Fell zerrte, als er über die Palastwiese lief oder ein Vogel seine Notdurft über ihm entrichtete.

Der schönste aller Hunde war außer sich. Und als die Wut vorbei war, kam Ratlosigkeit. Er wollte es allen recht tun, aber niemand dankte es ihm. Er hatte niemandem auch nur ein Haar gekrümmt, und doch waren alle schlecht auf ihn zu sprechen.

Gedankenschwer lief er hinunter zum Wasser. Der rote Ball der untergehenden Sonne tauchte gerade am Horizont in den See. Am liebsten würde er auch untertauchen, wenigstens für eine Weile.  

Da hörte er ein Zappeln, Schlagen und Jammern. Er lief auf dem alten, baufälligen Bootssteg ein Stück auf den See hinauf. Dabei musste er darauf achten, dass er mit den Pfoten nicht in die Spalten zwischen den ausgetrockneten und zerbröckelten Brettern geriet.

Ein Aal hatte sich in einer Reuse verfangen und versuchte verzweifelt, sich zu befreien.

„Was ist denn los, Kumpel?“

Der Aal hielt inne und erblickte den Sager, der vom Steg aus ins Wasser blickte.

„Ach du bist es“, sprach er, als er den schwarzen Hund erblickte. „Du kannst mir sowieso nicht helfen!“

„Warum sollte ich das nicht können? Das werden wir ja sehen.“

Er beugte sich nach vorn, soweit er konnte, fast wäre er dabei gestrauchelt, schnappte sich die Reuse mit dem Maul und zerrte und zottelte so lange daran herum, bis sie einen großen Riss bekam, aus dem der Aal hinaus in die Freiheit schwimmen konnte.

„Ich danke dir“, jubelte der Aal, „du bist mutiger als ich zu glauben gewagt hätte“.

„Natürlich bin ich mutig und unerschrocken!“

„Danke, du großer Held!“, rief der Aal noch einmal und schickte sich an davonzuschwimmen.

„Halt“, der Hund lief blitzschnell bis an das Ende des Bootssteges und versuchte den Aal festzuhalten, jedoch rutschte der ihm durch die Pfoten, weil er eben glatt war wie ein Aal. „Warte, ich habe noch einen Wunsch frei!“

Der Aal hielt inne. „Einen Wunsch?“

„Ja, so ist die Regel.“

„Kenn ich nicht.“

„Unwissenheit schützt nicht Gesetzestext.“

„Du Schlaumeier, was kann ein Aal einem Hund schon für einen Wunsch erfüllen?“

„Du bist so schön glatt, einfach nicht zu greifen. Das wünschte ich mir auch.“

„Ach du große Haifischflosse! Du hast Ideen. Das ist eine Einrichtung für das Leben im Wasser, nicht an Land. Wärst du so glatt und schleimig wie ich, könntest du dich überhaupt nicht auf deinen vier Pfoten halten.“

„Dann müsste ich streng darauf achten, dass der Schleim nicht unter die Pfoten gerät.“

„Und wie soll das bitteschön aussehen?“

„Ich lasse mir zeltförmige Schützer für die Pfoten basteln, sodass die Unterseite der Pfoten nicht benetzt wird. Wir sehen uns morgen wieder hier. Abgemacht?“

„Versprochen“, erwiderte der Aal und tauchte ab. So richtig gefiel ihm die Sache nicht, seinen Aalschleim mit einem Hund zu teilen. Aber andererseits fühlte er sich seinem Retter  verpflichtet, auch wenn er sein Ansinnen recht eigenartig fand.

Der Hund lief zu den Vögeln, die weiter ihre Nester in der Dachrinne bauen durften und  bat sie, ihm Gamaschen für die Pfoten zu fertigen. Die Vögel wunderten sich zwar über das Anliegen, kamen aber seinem Ansinnen nach. Weil sie es aber allzu komisch fanden, wie ihr Sager ausschaute, zwitscherten sie die Neuigkeit überall im Land herum. So lugten alle Tiere hinter den Bäumen und Büschen hervor, als der Hund des Weges kam, und sie kicherten und hielten sich vor Lachen die Bäuche.

Am nächsten Tag erschien wie vereinbart der Aal am alten Bootssteg. Der schwarze Hund wartete schon auf ihn. Amüsiert betrachtete auch der Aal die Gamaschen an allen vier Pfoten. „Nun, bediene dich mein Retter, du sollst den dir zustehenden Lohn haben.“

So rieb sich der Hund reichlich Aalschleim in das Fell. Niemand würde mehr an ihm ziehen und zerren können. Die Bösewichte würden einfach abrutschen. Er könnte endlich sein Sparkonzept zur Sanierung der Vorräte vorstellen und einleiten, ohne dass man ihm persönlich das Fell ruinieren würde.

Hochzufrieden verließ der Hund den See, nicht ohne dem Aal herzlich gedankt zu haben.

Er schlug den Weg zum Palast ein. Es war Mittwoch. Beiderseits des Weges flüsterte und kicherte es. Alle Tiere wussten inzwischen vom lustigen Aufzug des Sagers. Ein Groß-Foto seiner Gamaschen war im „Bild des Waldes“ auf der ersten Seite gewesen.

Vor dem großen Auftritt des Hundes eilte der Pfau, ein hochrangiger Vertreter der Beratungsfirma des Sagers zu ihm und riet ihm dringend vom Tragen dieser neuartigen Gamaschen ab. Sie würden nicht der Kulturnorm des Volkes des Sommer-Winter-Landes entsprechen. Der Hund wich aus und sprach von neuen Akzenten, die er setzen wolle.

„Aber hinter dieser Sichtweise steht keiner ihrer Getreuen. Ich rate ihnen dringend vom Alleingang ab.“

Widerwillig streifte er seinen neuen Gamaschen ab. Ich muss mich eben dem allgemeinen Codex beugen, es wird schon nichts passieren, dachte er noch, als er auf den Balkon hinaustrat. In diesem Moment befand er sich schon im freien Fall. Der Aalschleim war nach der Entfernung seine ausgeklügelten Schutzvorrichtungen an den Pfoten hinabgelaufen bis unter die Zehenballen. Er war auf dem Balkon ausgeglitten und ohne Widerstand unter dem Geländer hindurchgerutscht. Alle Tiere waren entsetzt, als er auf dem Palastvorplatz aufschlug.

Zwei Wiesel trugen den einst so wunderschönen Hund auf einer Bahre vom Platz, bahnten sich mühsam den Weg durch die Schaulustigen. Der Verletzte sah alles wie im Film an sich vorüber laufen. Da gewahrte er die Ratte in der Menge, die er an seinem ersten Amtstag hatte  aus der Vorratskammer entkommen lassen.

„Hallo, Du“, sprach er sie mit letzter Kraft an, „du musst mir noch einen Wunsch erfüllen, ich habe dir damals das Leben geschenkt.“

Die Ratte zog ihre Krawatte gerade und grinste: „Die Show für dich ist aus. Wer sich nicht reibt, der gleitet aus.“

Der schöne schwarze Hund wurde vom  Platz getragen.

 



01.04.2021



Das Lied des Pfaus

 

An einem wunderschönen Sonnentag stolzierte der Pfau über die Wiese vor dem großen Weiher. Niemand war weit und breit zu sehen, der seinen eleganten Gang hätte bewundern können. Wehmütig lauschte er dem Gesang der Lerchen, die weit über ihm durch die Lüfte flatterten. Ach, wenn ich nur so singen könnte wie diese kleinen unscheinbaren Vögel, dachte der Pfau bei sich, zu meinem strahlenden Erscheinungsbild würde eine solch klare Stimme eindeutig besser passen. Zuweilen sind die ästhetischen Missgriffe der Natur nicht nachvollziehbar.

Eine Gruppe junger Feldhühnchen kreuzte seinen Weg. Der Pfau schlug ein Rad und wartete die Reaktion der Hühnermädchen ab.

„Schau nur“, sagte ein Küken zu seiner Mutter, „wie schön er ist.“

Na, wenigstens etwas, beglückwünschte sich der Pfau zu seinem zugegebenermaßen mageren Erfolg.

„Ja mein Kind“, erwiderte die Henne, „er sieht hübsch bunt aus. Schönheit jedoch ist etwas, was von innen heraus leuchtet und wenn es dich trifft, deine Seele berührt.

Hörst du das Schlagen der Lerchen? Ihr Gesang verkörpert wahre Schönheit. Er ist rein und klar und kommt aus tiefstem Herzen.“

Der Pfau vernahm den Dialog zwischen der Henne und ihrer Tochter.

´Blöde Hühner!´, wollte er das Gerede abtun, jedoch grämte er sich tagelang.

Nicht genug, dass der Natur der Fehler unterlaufen war, ihn nicht mit einer ihm zustehenden glockenklaren Stimme auszustatten. Nein! Hühner, das heißt Vögel mit gedrungenen Körpern und einer zum Gackern verdammten Stimme, erdreisteten sich, über ihn, den wahrlich schönsten aller Vögel, zu urteilen. Das Schlimme an alledem war, dass er tatsächlich überhaupt nicht singen konnte. Außer gellenden Schreien brachte er nichts zustande.

Er haderte mit dem Schicksal und grübelte und grübelte.

Am vierten Tag hatte er eine Idee.

Wenn er schon selbst nicht singen konnte, so war es ihm dennoch möglich, ein berühmter Dirigent zu werden. Und berühmt werden, das wollte er unbedingt.

Er lief wieder hinaus zur Wiese am Weiher zu den Lerchen, um ihnen anzutragen, unter seiner Leitung zu einem weltbekannten Chor zu werden.

Er postierte sich unter den singenden Lerchen, schlug sein schönstes Rad und wartete darauf, dass sie auf ihn aufmerksam würden. Aber die Lerchen trällerten glücklich hoch oben am Himmel, ohne sich um diejenigen zu kümmern, die ihrem Gesang lauschten.

Der Pfau rief nach den Lerchen. Jedoch die Rufe des Pfaus verhallten irgendwo zwischen Erde und Himmel und drangen nicht bis in die luftigen Höhen, in denen die Sänger jubilierten.

„Nun, wenn ihr nicht hört, muss ich ohne euer Einverständnis beginnen!“, rief der Pfau gen Himmel und zog den Taktstock aus dem Gefieder, den er sich beim letzten Kurkonzert ohne die vorherige Erlaubnis des Kapellmeisters von ihm geliehen hatte. Elegant begann er, den Taktstock zu schwingen und wiegte sich zum Gesang der Lerchen. Es war ein skurriles Bild. Mitten auf der Wiese stand ein Dirigent, nirgends war ein Orchester zu sehen.

Da kam ein Igel des Weges. Verwundert fragte er den Pfau: „Was treibst du denn hier?“

„Bitte stör mich nicht mein Freund, ich dirigiere das Konzert der Lerchen.“

„Ach, seit wann denn das?“

„Du weißt wohl nicht, dass ich der berühmte Dirigent des Lerchenchores bin? Alle Tiere der Aue wissen das.“

„Schau mal an“, schniefte der Igel und trippelte weiter.

„Kulturbanause!“, rief ihm der Pfau nach.

Nach einiger Zeit kam ein Hase angehoppelt: „Wieso tanzt du mit einem Stöckchen über die Wiese?“

„Ich dirigiere das Konzert der Lerchen. Hörst du nicht wie wunderbar sie zu meinem Taktstock singen?“

„Oh ja, ich höre es. Und du hast ihnen dieses Lied beigebracht?“

„Ja natürlich. Ich bin ein großer Meister im Gesangsunterricht.“

„Konnten die Lerchen nicht zuvor schon singen?“

„Das mag wohl sein. Aber es kommt darauf an, dass jemand deren Talent entdeckt und ihren Gesang in die richtige Richtung lenkt.“

„Du kannst also herausfinden, wer das Zeug zum Sänger hat und ihn dann zur Berühmtheit bringen?“

„Ja, so ist es. Aber hast du das noch nicht gewusst? Jeder der etwas von Musik versteht, weiß, dass ich das feinste Gehör habe und der Einzige bin, der hören kann, aus wem ein berühmter Sänger wird und aus wem nicht.“

„Aber ja, gewusst habe ich das schon. Es war mir nur entfallen.“

„Ist schon gut“, wehrte der Pfau gönnerhaft ab und widmete sich wieder seiner Arbeit.

Da kam eine Katze des Weges: „Guten Tag Herr Pfau, was vollführen Sie denn für Verrenkungen?“

„Kindchen, ich dirigiere den Gesang der Lerchen. Hörst du nicht diesen herrlichen Klang?“

„Ja, natürlich höre ich ihn. Aber was hat das mit Ihnen zu tun?“

„Durch die ordnende Hand eines Dirigenten wie mir wird aus wildem Tirilieren ein harmonischer Gesang wie dieser. Ich habe für dieses Konzert die talentiertesten Sänger ausgewählt, weil ich ein Ohr für Begabung habe. Tiere mit Kunstverständnis wissen das.“

„Äh..., eigentlich habe ich es auch gewusst. Meine Frage galt nur dieser ganz speziellen Aufführung“, ergänzte die Katze schnell.

„Vielleicht könnten Sie auch meinen Gesang für Ihre Darbietungen gebrauchen.“

Und schon warf sie sich in Pose und hub an zu singen. Es hörte sich jämmerlich an.

„Halt ein“, unterbrach sie der Pfau, „davon bekomm ich ja einen Hörsturz.“

„Pardon, Maestro, ich hätte so gern in ihrem Chor mitgesungen.“

„Es ist wirklich schade Kindchen, du siehst blendend aus. Nur an der Stimme mangelt es erheblich.“

Bei diesen Worten plusterte sich der Pfau sichtlich.

„Ich wollte es ja nur einmal versuchen. Vielen Dank großer Meister, dass du mir zugehört hast.“

Das hört sich ja schon ganz gut an, dachte der Pfau: großer Meister. Und er dirigierte weiter

Es dauerte nicht lange, da hatte es sich überall herumgesprochen, dass der Pfau der große Kenner zur Talentfindung war. Bald pilgerten Hunderte von Tieren auf die Wiese, auf der der Pfau seine Dirigentenlaufbahn begonnen hatte und ließen sich von ihm testen.

Es war eine Gejaule und Gewimmer, dass es kaum zu ertragen war.

Dennoch war das Publikum stets zahlreich vertreten. Die Einen drückten die Daumen für die Sänger, die Anderen belustigten sich über die kläglichen Versuche der Möchte-gern-Stars und die Kommentare des Maestros: der Eine schnaufe, wie eine reparaturbedürftige Dampflok; ein Anderer krächze wie ein verrostetes Türschloss; ein Nächster jaule wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten habe.

Der Pfau hatte sich die Macht genommen, über die Stimmen der anderen Tiere zu urteilen. Und alle schenkten seinem Urteil Glauben.

Nachdem er allen bescheinigt hatte, keine Fähigkeiten für die Gesangskunst zu haben, wurden die Tiere missmutig.

Der Pfau musste irgendein Talent entdecken, sonst würden ihm die Tiere nicht mehr huldigen.

Drei Spatzenmädchen waren zum Vorsingen da. Sie tschilpten ohrenbetäubend durcheinander. Jede von ihnen sang ein anderes Lied und das auf eine sehr eigenwillige Art und Weise, um ehrlich zu sein, völlig falsch.

„Oh welche Entdeckung!“ jubelte der Pfau. Das sind die Sterne am Himmel des modernen Gesanges. Welch neues beeindruckendes Genre. Welch Genuss für kunstsensible Ohren!“

Alle Zuhörer, die sich angesichts des schrillen Tschilpens die Ohren zugehalten hatten, fielen mit ein in die Beigeisterungsausrufe des Meisters, denn keiner von ihnen wollte sich einen Mangel an Kunstverständnis nachsagen lassen.

Seit diesem Tage übte der Pfau täglich mit den Spatzen. Der Missklang bei den Aufführungen des Pfau-Spatzen-Ensembles wurde weit überstrahlt vom selbstherrlichen Auftreten des schönen und selbsternannten Stardirigenten. Jede Krähe und jede Taube im Land träumte davon, vom großen Meister entdeckt zu werden, um genauso berühmt zu sein wie die Spatzenmädchen.

An einem regnerischen Tag sangen keine Lerchen in den Lüften. Sie liefen unter den Büschen herum oder saßen in ihren Nestern.

Da kam eine Kohlmeise des Weges, die gerade durch die Gesangsprüfung des Pfaus gefallen war. Sie war darüber sehr traurig und tupfte sich immer wieder ihre Tränen ab.

„Guten Tag kleine Meise“, wurde sie von einer Lerche angesprochen, „was macht dich denn so betrübt? Sind es die Wolken am Himmel, die ganz sicher morgen schon wieder weitergezogen sein werden?“

„Nein“, erwiderte die Kohlmeise, „ich bin durch die Prüfung des Meisters gefallen. Ich wollte auch so herrlich singen lernen, wie ihr es könnt.“

„Welcher Meister denn?“

„Ich meine den Pfau, der euer Dirigent ist.“

„Unser Dirigent?“

„Ja.“

„Wir haben und brauchen keinen Dirigenten für unseren Gesang. Wir singen nach Lust und Laune, ganz so, wie die Töne unserem Herzen und unserer Kehle entspringen.“

„Du meinst also, der Pfau hat euch niemals Unterricht erteilt?“

„Wie soll denn das gehen. Hast du schon einmal einen Pfau singen gehört?“

„Nein, das nicht. Aber er ist ein berühmter Musikexperte. Das weiß doch jedes Kind im ganzen Land.“

„So, so“, wunderte sich die Lerche. „weißt du, jeder hat seine eigenen Vorzüge. Du zum Beispiel hast ein markantes Federkleid, wir jedoch sind klein und unscheinbar, können aber wunderbar singen, einfach deshalb, weil es uns vom Schicksal in das Nest gelegt wurde. Der Eichelhäher kann überhaupt nicht singen, aber alle Tiere achten ihn wegen seiner Wachsamkeit. Und der Pfau ist ein wunderschöner Kerl, alle bewundern ihn, wenn er sein Rad schlägt. Aber wahrscheinlich erlaubt es ihm seine Eitelkeit nicht, sich einzugestehen, dass er weder ein guter Flieger noch ein guter Sänger ist.“

„Danke, liebe Lerche“, rief die Kohlmeise schon halb im Abflug, „und singt bald wieder!“

Die Meise flog von Nest zu Nest und verbreitete die Kunde vom Betrug des Pfaus. Keiner ärgerte sich mehr, dass er nicht singen konnte, wie eine Lerche. Der Pfau wurde nie mehr auf der großen Wiese gesehen. Die Spatzen tschilpten wieder für sich allein und niemand hielt es für moderne Kunst.

Jedoch konnten die Spatzenmütter nicht umhin, ihren Kindern zu erzählen, dass sie früher einmal sehr bekannte Sänger gewesen waren.

Und die Kinder wiederum hörten es von Baum zu Baum zwitschern, dass ein Fasan einen Schönheitswettbewerb ausgerufen habe. Der Sieger würde sehr berühmt werden. Und das wollten die kleinen grauen Spatzen unbedingt.

Und was war aus dem Pfau geworden? Er kam doch noch zu Ruhm und Ehre.

Er stand im Heimatmuseum, erstklassig präpariert, in exponierter Stellung gleich hinter dem Eingang. Man hatte sich für diesen Standort entschieden, weil so die Kassenfrau darauf achten konnte, dass die Besucher mit Sammlerleidenschaft nicht seiner immer noch herrlichen Schwanzfedern habhaft werden konnten. Jedoch besonders fanatischen Anhängern seiner Schönheit gelang auch dieser Coup.


 


23.02.2021



Glatteis


Es war einmal eine kleine Mieze, die hieß Mauja. Eines schönen Wintertages ging Mauja hinaus. Und flutsch! Gerade hatte sie die erste Pfote vor die Tür gesetzt, schon saß sie das erste Mal auf ihrem Allerwertesten. Kaum hatte sie sich aufgerappelt, schon rutschten ihre Vorderpfoten weg. So entschied sie sich, gleich zu schlittern, um überhaupt vorwärts zu kommen.

Als sie weiter auf der Straße entlang rutschte, traf sie den  schlitternden Kater Schnurr.

„Hallo“, begrüßte ihn Mauja, „es ist furchtbar, man kann überhaupt nicht richtig laufen.“

„Ich finde das super“, erwiderte Kater Schnurr, wollte schwungvoll eine Pirouette drehen und fiel dabei jämmerlich auf das Hinterteil.

„Man bräuchte Schlittschuhe wie die Menschen sie haben“, sagte Mauja.

„Dann brauchst du aber vier Stück, für jede Pfote einen“, gab Kater Schnurr zu bedenken, „und damit das Gleichgewicht zu halten, ist sicher eine Kunst.“

„Und du meinst, wir sind keine Künstler? Ha! Das werden wir ja sehen.“, behauptete Mauja und sah sich suchend in der Gegend um. Sie guckte da und schnüffelte dort. Dann schnappte sie sich ein Brett, das sie vor dem Schuppen gefunden hatte, schubste sich ab und rutschte damit auf der vereisten Straße entlang. „Oh, jäää...!“, rief sie vor Begeisterung und Kater Schnurr hüpfte völlig hingerissen auf der Stelle. „Ich brauche auch ein Brett“, rief der Kater und wühlte auch schon hinter dem Schuppen herum. Leider fand er nur eine alte Pappkiste. „Na, mal testen“, murmelte er vor sich hin, nahm Anlauf, sprang mit Schwung in die Kiste und „Jippi!“, los ging die Fahrt.

Die beiden hatten einen Riesenspaß und wieder und wieder rasten sie die Straße hinunter.

Plötzlich kam ein Auto um die Ecke gefahren, Mauja rutschte geradewegs darauf zu. Im letzten Moment konnte sie von ihrem Brett abspringen, kugelte mit Schwung in Lehmanns Vorgarten, prallte gegen einen Gartenzwerg, der warf seinen Schneemantel ab, und Mauja war unter dem Schneehaufen begraben.

Das Auto musste wegen Mauja eine Notbremsung machen, drehte sich mehrmals auf der spiegelglatten Straße und kam schließlich am Gartenzaun mit einem gewaltigen Krachen zum Stehen.

Leichenblass stieg die Mutter von Maujas Familie aus dem Auto. „Mauja, ist dir etwas passiert?“, und noch während sie fragte, begann sie, die Katze aus dem Schneehaufen  auszubuddeln. Mauja zitterte am ganzen Körper vor Kälte und vor Angst.

Die Mutter hob Mauja hoch und drückte sie fest an sich. „Du bist eine verrückte Katze, wie kannst du nur mitten auf der Straße schlittern? Beinahe hätte ich dich überfahren.“

Dann ließ sie das Katzentier wieder herunter und sah sich ihr zerbeultes Auto an. „Mein schönes Auto, und der Zaun ist auch hinüber.“

Mit eingezogenem Schwanz und hängenden Ohren trottete Mauja nach Hause.

So war der Tag, der ausgelassen und fröhlich begonnen hatte, sehr, sehr nachdenklich zu Ende gegangen.

Als Mauja abends in ihrem Körbchen lag, gelobte sie, nie wieder auf der Straße eine Schlitterpartie zu veranstalten. Und schon halb im Traum dachte sie: Wenn man auf der Wiese hinter dem Haus mit dem Gartenschlauch eine Eisbahn basteln würde, könnte doch nichts passieren. Sie lächelte bei diesem Gedanken und schlief ein.


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