ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS


EINE GESCHICHTE - EIN MOMENT - FUNDUS


08.01.2022


Der zufriedene Kunde

Immer dasselbe. Dieses Mal die Kartoffeln vergessen! Ich lief los.
Erst jetzt fiel es mir auf: Der Schuttberg mitten in der Stadt war verschwunden. Ganz früher hatten an dieser Stelle ehrwürdige Bürgerhäuser gestanden, die jedoch niemandem mehr zu gehören schienen. Stück für Stück waren sie zusammengefallen. Irgendwann wurde ein Zaun darum gezogen, so war alles gesichert. Später war die Fläche planiert worden. Und ein Supermarkt wurde darauf gebaut, mit einem riesengroßen Parkplatz.
Nach ein paar unsinnigen Runden im neuen Markt stieß ich endlich auf die bekannte Drahtgitterkartoffelbox, schnappte mir ein Netz festkochender Erdäpfel, genauso stand es auf dem Etikett, suchte mir die kürzeste Kassenschlange aus und erlebte wieder einmal, wie sie sich, gleich nachdem ich mich angestellt hatte, magisch verlängerte. Großfamilieneinkäufe, nicht abgewogene Obsttüten, Schokoladentafeln ohne Scan-Codes, aus Schachteln entlaufene Eishasen und tropfendes Shampoo rollten an der Kassiererin vorbei. Jedes Mal, nachdem sie das Geld in die Kassenschublade sortiert hatte, fragte sie freundlich: „Waren Sie mit Ihrem Einkauf zufrieden?“
Die Mutter der Großfamilie musste das Süßigkeitenregal neben der Kasse vor dem Zugriff ihrer Zwillinge schützen und kam nicht zum Antworten, weil inzwischen das größte ihrer Kinder schon den Eishasen geköpft hatte, der aus der Schachtel geflohen war. So ganz zufrieden sah sie nicht aus.
Der nächste Kunde war ein Mann in einer zerbeulten grauen Hose und einem grünlich speckigen Anorak, dazu trug er Mokassins, obwohl es Mitte Februar war. Ihn umgab ein Geruch von Urin und Zigaretten. Seinen Einkauf hatte er auf das Band gelegt. Mit zittriger Hand reichte er der Kassiererin statt Geld einen Dederonbeutel mit leeren Flaschen. Wortlos nahm sie ihm den Beutel ab und sortierte den Inhalt in einen Flaschensammler. Er nahm ihn zurück, nestelte auf der Suche nach der Öffnung eine Weile daran herum und steckte schließlich seine Schnapsflasche in die Anoraktasche. Die Kassiererin fragte: „Waren Sie mit Ihrem Einkauf zufrieden?“
Er grunzte nur kurz und verschwand.
Mein Kartoffelnetz war dran. Ein paar Kartoffelkeime stachelten durch die Maschen. Schon war es  mit „piep“ über den Scanner gerutscht.
Und die Kassiererin fragte: „Waren Sie mit Ihrem Einkauf zufrieden?“
Ich lächelte, nahm mein Kartoffelnetz und ging meiner Wege.


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