ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

MEDICUS VULGARIS - AUS DEM LEBEN DES GEMEINEN HAUSARZTES


Anglerlatein

Das letzte Mal angeln war ich mit zwölf. Unsere Angelruten waren Haselstöcke, an die wir die Sehne angeknotet hatten. An deren Ende baumelte der Haken, an dem wir aufgespießte Regenwürmer im See badeten. Oft waren die Würmer einfach verschwunden. Entweder hatten sie sich unbemerkt von dannen gemacht oder ein Fisch hatte sie heimlich abgeknabberte, ohne dass wir es bemerkt hatten. Unsere Fangerfolge waren dementsprechend bescheiden, dennoch ungeheuer schmackhaft. Das Grätenklauben während des Abendessens machte niemandem etwas aus, denn die Fische aus dem Mecklenburger See waren frisch und unbelastet.

Niemals jedoch wäre jemand auf die Idee gekommen, einen Fisch aus der Elbe, geschweige denn aus der Saale zu essen. Und auch jetzt, da die Flüsse seit vielen Jahren wieder richtiges Wasser und keine chemische Lösung mehr führen, würde mich nichts auf der Welt locken, einen dieser Flussfische zu verspeisen. Man weiß nie, was die Tiere beim Gründeln alles aufwühlen. Manch passionierter Angler sieht das allerdings völlig leidenschaftslos. Stundenlang hocken sie lauernd mit ihren Klappstühlchen am Flussufer.

Einer derer lag jetzt auf meiner Liege, mit dem Gesicht nach unten. Sein Impfstatus war überprüft, sein Gesäßbefund bereits dokumentiert, und das war kein schöner Anblick. Mitte auf der Rundung der Pobacke steckte der Angelhaken, der eigentlich mit großem Schwung über den Fluss hatte fliegen sollen. Startgehemmt. Die Frage, wer oder was da vorher am Haken war, ließ die Situation keinesfalls entspannter erscheinen. Was tun? Das Ding wieder zurückziehen geht nicht, liegt in der Natur eines Angelhakens, das Opfer soll festhängen. Durchziehen geht auch nicht, weil sich das Ende zu einer kantigen Öse zum Befestigen der Angelsehne verdickt. Bleibt nur, den Haken zu durchtrennen. Und wie? In der Praxis gibt es höchstens Nagelzangen. Die hätten zum einen nicht genug Biss, zum anderen wäre das Instrument danach nicht mehr zu gebrauchen. Der kleinchirurgische Eingriff wird mit 6,26 € vergütet, die Eckenzange kostet ein Vielfaches. Ist es ethisch, solche Überlegungen anzustellen? Soll sich der Patient mit einer Überweisung und dem Angelhaken im Hintern in das nächste, ins chirurgische, Wartezimmer „setzen“? Das Hausfrauendenken in mir entschied sich für die Kombizange aus dem Werkzeugkasten: Haken durchtrennt, und schwupps war er draußen. Tatsächlich war die Verletzung nach kühlenden, feuchten, desinfizierenden Verbänden nach einigen Tagen vollständig verheilt, nur eine kleine rosa Narbe erinnerte noch an die missglückte Jagd auf einen Flussfisch. Nur beim FKK muss sich der Angler vielleicht dumme Fragen gefallen lassen.


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