ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

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LESESEITE FÜR KINDER UND HELLE ERWACHSENE - FUNDUS


23.02.2021


Glatteis


Es war einmal eine kleine Mieze, die hieß Mauja. Eines schönen Wintertages ging Mauja hinaus. Und flutsch! Gerade hatte sie die erste Pfote vor die Tür gesetzt, schon saß sie das erste Mal auf ihrem Allerwertesten. Kaum hatte sie sich aufgerappelt, schon rutschten ihre Vorderpfoten weg. So entschied sie sich, gleich zu schlittern, um überhaupt vorwärts zu kommen.
Als sie weiter auf der Straße entlang rutschte, traf sie den  schlitternden Kater Schnurr.
„Hallo“, begrüßte ihn Mauja, „es ist furchtbar, man kann überhaupt nicht richtig laufen.“
„Ich finde das super“, erwiderte Kater Schnurr, wollte schwungvoll eine Pirouette drehen und fiel dabei jämmerlich auf das Hinterteil.
„Man bräuchte Schlittschuhe wie die Menschen sie haben“, sagte Mauja.
„Dann brauchst du aber vier Stück, für jede Pfote einen“, gab Kater Schnurr zu bedenken, „und damit das Gleichgewicht zu halten, ist sicher eine Kunst.“
„Und du meinst, wir sind keine Künstler? Ha! Das werden wir ja sehen.“, behauptete Mauja und sah sich suchend in der Gegend um. Sie guckte da und schnüffelte dort. Dann schnappte sie sich ein Brett, das sie vor dem Schuppen gefunden hatte, schubste sich ab und rutschte damit auf der vereisten Straße entlang. „Oh, jäää...!“, rief sie vor Begeisterung und Kater Schnurr hüpfte völlig hingerissen auf der Stelle. „Ich brauche auch ein Brett“, rief der Kater und wühlte auch schon hinter dem Schuppen herum. Leider fand er nur eine alte Pappkiste. „Na, mal testen“, murmelte er vor sich hin, nahm Anlauf, sprang mit Schwung in die Kiste und „Jippi!“, los ging die Fahrt.
Die beiden hatten einen Riesenspaß und wieder und wieder rasten sie die Straße hinunter.
Plötzlich kam ein Auto um die Ecke gefahren, Mauja rutschte geradewegs darauf zu. Im letzten Moment konnte sie von ihrem Brett abspringen, kugelte mit Schwung in Lehmanns Vorgarten, prallte gegen einen Gartenzwerg, der warf seinen Schneemantel ab, und Mauja war unter dem Schneehaufen begraben.
Das Auto musste wegen Mauja eine Notbremsung machen, drehte sich mehrmals auf der spiegelglatten Straße und kam schließlich am Gartenzaun mit einem gewaltigen Krachen zum Stehen.
Leichenblass stieg die Mutter von Maujas Familie aus dem Auto. „Mauja, ist dir etwas passiert?“, und noch während sie fragte, begann sie, die Katze aus dem Schneehaufen  auszubuddeln. Mauja zitterte am ganzen Körper vor Kälte und vor Angst.
Die Mutter hob Mauja hoch und drückte sie fest an sich. „Du bist eine verrückte Katze, wie kannst du nur mitten auf der Straße schlittern? Beinahe hätte ich dich überfahren.“
Dann ließ sie das Katzentier wieder herunter und sah sich ihr zerbeultes Auto an. „Mein schönes Auto, und der Zaun ist auch hinüber.“
Mit eingezogenem Schwanz und hängenden Ohren trottete Mauja nach Hause.
So war der Tag, der ausgelassen und fröhlich begonnen hatte, sehr, sehr nachdenklich zu Ende gegangen.
Als Mauja abends in ihrem Körbchen lag, gelobte sie, nie wieder auf der Straße eine Schlitterpartie zu veranstalten. Und schon halb im Traum dachte sie: Wenn man auf der Wiese hinter dem Haus mit dem Gartenschlauch eine Eisbahn basteln würde, könnte doch nichts passieren. Sie lächelte bei diesem Gedanken und schlief ein.



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