ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS


MEDICUS VULGARIS - AUS DEM LEBEN DES GEMEINEN HAUSARZTES




Ist wenigstens Salz drauf?


Frau Sonntag saß im Wartezimmer, obwohl es erst Montag war und ihr Termin am Donnerstag. Die Schwester vom Pflegedienst hatte sie in die Praxis gebracht, die Patientin war ihr irgendwie eigenartig vorgekommen, nicht ganz bei sich. Die Frau müsse gleich drankommen, nur dann könnte die Schwester den Rücktransport übernehmen. Um zwölf Uhr hat sie Feierabend.

Wir wussten: Frau Sonntag ist Diabetiker und spritzt Insulin. Also - sofort Zucker prüfen! Und der war so niedrig, dass es erstaunlich war, die Frau noch aufrecht sitzen zu sehen. Umgehend bekam sie eine Glukosespritze, der Zucker stieg an, und Frau Sonntag guckte wieder munter aus der Wäsche. Daran, wieviel Insulin sie heute Morgen gespritzt hatte, konnte sie sich nicht erinnern.
„Weiß nicht, so wie immer.“
„Und wie war der Zuckerwert vorher?“, erkundigte ich mich.
„Na, der war auch so wie immer.“
Die umsichtige Pflegeschwester hatte ihr das Diabetikerheft mit den Messwerten mitgegeben. Die eingetragenen, morgendlichen Zuckerwerte wechselten nahezu regelmäßig von 6,3 zu 6,5 zu 6,7 mmol/l. Dann begann es wieder von vorn: 6,3, dann 6,5, dann 6,7.
Jetzt, nach der Spritze, musste der Zucker ohnehin kontrolliert werden, so bot sich die Gelegenheit, das Messen gemeinsam mit ihr zu trainieren. Glücklicherweise hatten wir in der Praxis das gleiche Messgerät vorrätig, wie es auch Frau Sonntag verwendete. Unschlüssig saß sie jetzt vor dem Gerät und hatte nicht die leiseste Ahnung, wie es zum Leben zu erwecken ist.
„Wie haben Sie die Werte gemessen, die in Ihrem Heft stehen?“
„Na, ich weiß doch, wie ich mich fühle!“
„Gehen Sie noch regelmäßig zum Diabetikerarzt?“, bohrte ich weiter.
„Ach der. Da müsste ich mit der Straßenbahn hin. Wie soll ich mit meinen Knien da reinkommen?“
„Soweit ich weiß, waren Sie dort zur Schulung. Da haben Sie auch das Messen gelernt, oder?“
Frau Sonntag schnaufte: „Wissen Sie, das ist mir zu blöd. Wenn ich mir jedes Mal in den Finger stechen soll, das halte ich nicht aus.“

Mit viel Mühe ließ sie sich dazu bewegen, heute in ihre Fingerkuppe zu stechen. Vor lauter Aufregung schmierte sie den Blutstropfen breit, bevor er den Teststreifen berührt hatte. Auch beim zweiten Versuch mussten wir helfen. Bevor das Wert-Ablesen-und-in-das-Heft-Eintragen geübt werden konnte, fuhr mir bereits der Schreck durch die Glieder. Ihr Zuckerwert war weiter im Sinkflug. Da ich weder wusste, wie hoch der Zucker zu Beginn war, noch wie viele Einheiten Insulin sie sich gespritzt hatte, war es ein Tappen im Dunkeln. Allein nach Hause lassen, konnte ich sie keinesfalls. Es war nicht absehbar, wie tief der Wert sinken würde und ob sie wegen einer Unterzuckerung das Bewusstsein verlieren würde. Das Beste wäre, Frau Sonntag ins Krankenhaus zu schicken. Die unübersichtliche Situation würde so abgefedert, und stieße ihr etwas zu, wäre rund um die Uhr jemand da. Außerdem hätte sie die Möglichkeit, sich noch einmal mit dem Spritzen und dem Messen anzufreunden.
Doch auf diesen Vorschlag reagierte sie entsetzt: „Das kommt überhaupt nicht in die Tüte! Da gehe ich nicht rein. Wer soll sich in der Zeit um mein Pfirsichköpfchen kümmern? Der Vogel nimmt außer von mir von niemandem Futter an. Der würde sterben!“
„Nur, wenn am Ende Sie gestorben sind, wird nie wieder jemand Ihren Papagei füttern. Und es ist definitiv lebensgefährlich, wenn der Zucker aus dem Ruder läuft.“
„Nein, das können Sie sich aus dem Kopf schlagen“, sie blieb unversöhnlich, „lassen Sie sich was einfallen, schließlich sind Sie der Arzt!“
Und weil ich der war, spritzte ich ihr erstens noch einmal Glucose nach und überlegte zweitens, woher umgehend eine üppige, deftige Mahlzeit zu bekommen ist, die ausreichen würde, den Zucker für Stunden anzuheben. Der Kiosk neben der Praxis ist schon lange Geschichte. Da fiel mir ein, ich hatte gestern keine Zeit, mein Frühstücksbrötchen zu essen. Das ist heute zwar nicht mehr frisch und knusprig, aber auch noch nicht so ausgedörrt, dass man es nicht essen könnte. Und für den allergrößten Notfall, das heißt Riesenhunger und Frühstück vergessen, steht im Kühlschrank als Reserve immer einer Büchse Zwiebelschmalz. Das ist zwar nicht die ideale Mahlzeit, aber immerhin ein Tropfen auf den heißen Stein. Also schnitt ich das gestrige Brötchen in viele kleine Scheibchen, beschmierte sie ganz dick und servierte Frau Sonntag die Schmalzschnittchen. Die lehnte sich bei deren Anblick zurück und musterte argwöhnisch den Teller: „Ist das Schmalz? So was esse ich eigentlich nicht.“
Ich erklärte ihr ausführlich den Sinn der Mahlzeit, und Frau Sonntag fragte: „Und vom Essen soll wohl der Zucker hochgehen?“
Oh Gott, dachte ich, die Diabetikerschulung scheint völlig an ihr vorbeigegangen zu sein.
„Nun geben Sie sich einen Ruck, und essen Sie etwas“, ermutigte ich sie, „etwas anderes habe ich leider nicht zu bieten.“
Sie beguckte den Teller abermals etwas angewidert und wollte wissen: „Ist da wenigstens Salz drauf?“
„Nein“, musste ich gestehen, „aber ich hole es umgehend nach.“ Da mich die Angelegenheit allmählich belustigte, holte ich flugs einen Salzstreuer, würzte die Schnittchen und erkundigte mich angelegentlich, ob denn die Menge genehm sei.

In der Zwischenzeit war die Schwester vom Pflegedienst aufgekreuzt. Sie hatte befürchtet, unseren Anruf verpasst zu haben. Wir erklärten die Situation, gaben ihr eine Tabelle für das Blutzuckertagesprotokoll mit und baten sie, an den drei Folgetagen die Zuckermessungen vorzunehmen, auf dass die Insulinmenge angepasst werden kann. Auch das Spritzen übertrugen wir vorerst der Schwester.
Nachdem Frau Sonntag widerwillig alle Schmalzschnitten vertilgt hatte und der Zuckerwert bestens war, chauffierte die Pflegeschwester sie nach Hause zu ihrem Papagei, sah nach, ob genug Essen im Kühlschrank war, und versprach, in zwei Stunden noch einmal nach ihr zu schauen und den Zucker zu kontrollieren, trotz Feierabend.

Bereits zwei Tage später kam die Schwester wieder in die Praxis und brachte ein allerdings unvollständiges Tagesprotokoll mit, lediglich drei Messwerte standen darauf. Frau Sonntag hatte ihr mitgeteilt, dass ihr diese ewige Fingerstecherei und Messerei auf die Nerven geht, und sie niemanden mehr hereinlassen würde. Sie will ihre Ruhe haben.
Und so geschah es. Beim nächsten Klingeln blieb die Wohnungstür verschlossen. Die Schwester hörte Frau Sonntag lediglich von drinnen rufen: „Ich hab's Ihnen doch gesagt!“



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