ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS


LESESEITE FÜR KINDER UND HELLE ERWACHSENE - FUNDUS


21.01.2023


Meister Mümmel


Mitten auf der großen Waldlichtung unter der alten Buche mit der weitausladenden Baumkrone befindet sich die Hasenschule. Sie ist die Residenz von Meister Mümmel, richtiger: der Arbeitsort von Herrn Alois Mümmel, Diplomlehrer.
Und eben dieser Lehrer liebt es, von den Älteren unter der Hasenschaft mit Meister betitelt zu werden. Es ist nicht das Schulmeisterliche, was den Reiz dieses nie verliehenen Titels ausmacht. Nein, es ist die entgegengebrachte Achtung, die Alois Mümmel genießt.
Diese ist eine wichtige Vorraussetzungen für sein Wohlbefinden und ein erfolgreiches Lehramt.
Schon Meister Mümmels Großvater hatte unter der großen Buche unterrichtet. Zwar ist der Rohrstock, der damals noch zur Erziehung des Hasennachwuchses diente, von Meister Mümmels Vater abgeschafft worden, aber im traditionellen braunen Hasenanzug hält auch Meister Mümmel junior noch immer den Unterricht ab. Und eine Brille trägt er ebenfalls, so wie seine Vorfahren, nur ist seine nicht so dick und so schwer wie die des Großvaters gewesen war.
Waren der Großvater oder der Vater durch den Wald gelaufen, grüßten alle Haseneltern und Hasenkinder schon von weitem, die Väter zogen die Hüte, die Jungen machten einen Diener, die Mädchen einen Knicks.
Dieses altmodische Gebaren gehört selbstverständlich der Vergangenheit an, denn es ist auch im Wald eine neue Zeit angebrochen. Die Tiere haben sich von derartigem Standesdünkel befreit, alle sind gleich. Niemand ist verpflichtet, einem anderen Tier von Amts wegen Ehrerbietung zu erweisen.
Dennoch lüften die alten Hasen den Hut, wenn sie Meister Mümmel treffen, sie wüssten nicht, warum sie es unterlassen sollten, und die jungen Hasen kichern.
Sie werden nicht mehr zu Untertanen erzogen. Sie sollen selbstbewusste und eigenständige Hasen werden, die beste Vorbereitung auf das Leben.
Diese Sichtweise hat auch eine neue Elterngeneration entstehen lassen. Da die Kinder selbst ihre Erfahrungen machen und daraus lernen sollen, müssen die Alten nicht mehr den ganzen Tag aufpassen, dass sich die lieben Kleinen ordentlich benehmen. Das ist auch deshalb nicht mehr wichtig, weil es in der Schule keine Noten mehr in Betragen und Ordnung gibt, wie das bei den Eltern noch üblich war.
Frei von jeder Gängelei der Althasen konnte sich so eine eigene kindliche Kratz- und Beißordnung entwickeln. Die Kräftigen unter den Jungtieren leben ihre Stärke aus, die Schwachen müssen lernen, eine Nische zu finden. Es wachsen Kampfhasen und Angsthasen heran. Die Kampfhasen leben das Gleichheitsprinzip am intensivsten. So ist es unter ihnen Ehrensache, sich nichts mehr aus dem Fuchs zu machen. Schließlich ist er nur ein Waldtier wie ein Hase auch.
Und so ist der Hasenschullehrer Mümmel für seine Schüler ebenfalls nur ein Tier, so wie es jeder Kartoffelkäfer oder Regenwurm ist.
„Was will der von uns?“, sagen sie sich.
„Warum sollen wir schweigen, wenn der redet?“
„Denkt der, dass er etwas Besseres ist als wir?“
Wenn der junge Meister Mümmel seinen Vater besucht und die beiden über die Schule plaudern, wird die Stimmung oft brenzlig. Der Alte schimpft über die heutige Zeit und erklärt dem Sohn, dass er an der schwierigen Situation in der Klasse selbst schuld sei. Er müsse richtig durchgreifen, dann wüssten die Schüler schon, wer etwas zu sagen hätte und wer lieber den Mund halten solle.
Der Sohn versucht einzulenken, man könne es den jungen Hasen nicht verdenken, dass sie ihre Grenzen austesten würden. Das Schwierige sei nur, dass man als Lehrer wissen müsse, dass die Angriffe der Schüler eigentlich nichts mit der Person des Lehrers zu tun haben, sondern die Schüler lediglich ihre Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen über den Stellvertreter Lehrer austragen würden.
„Und die Eltern? Was ist mit den Eltern bitteschön? Sollen die doch mit ihren Kindern das Hörner abstoßen durchleben!“, keift der Alte.
„Das ist schwierig. Oft können die Eltern den Zoff nicht aushalten und fühlen sich angegriffen, weil sie mit sich selbst nicht im Reinen sind. Entweder bestrafen sie ihre Jungen, oder sie stellen sich taub. Viele von Ihnen schimpfen dann auf die Schule, dass sie die Jugend nicht richtig erzieht und dass die Lehrer allesamt Versager sind.“
„Und du lässt dir das gefallen.“
„Was heißt gefallen lassen, Vater? Es ist wie es ist. Entweder erwerbe ich mir das Vertrauen der Schüler, oder ich bin verloren.“
„Was sind das nur für Zeiten? Was sollen das für Hasenväter und -mütter werden?“
„Weißt du, ich glaube, wenn sie merken, dass du sie wirklich ernst nimmst, kannst du wunderbar mit ihnen arbeiten. Das ist mein Ziel. Und ich mag diese aufmüpfige Hasenbande.“
„Du bist ein unverbesserlicher Idealist, mein Sohn. Ich hoffe, du irrst dich nicht.“
Es war Mittwoch zehn Uhr vormittags. Die Sonne hatte schon genug Kraft, durch die Baumkrone der alten Buche hindurchzustrahlen und lustige Sonnenflecken auf die Schulbänke zu malen. Einige Schüler träumten, andere knabberten Möhren. Hopser summte sein Lieblingslied und Stupsi warf ihr Möhrenkraut auf die Nachbarbank. Daraufhin begann Flitzi zu kreischen und Puschel wäre vor Kichern fast vom Stuhl gefallen. Darüber wiederum musste die ganze Klasse lachen. Selbst Meister Mümmel musste sich anstrengen, ernst zu bleiben.
Es dauerte eine Weile, bis sich die Klasse beruhigt hatte. Dann fuhr Mümmel mit dem Unterricht fort. Neben der Stimme des Lehrers war jetzt nur noch Hopsers Gesang zu hören. Anfangs hoffte Mümmel, er werde ohne sein Eingreifen den Gesang einstellen, denn es hörte sich so schrecklich falsch an, dass es auch in jungen Löffeln schmerzen musste. Leider passierte nichts. Mümmel wartete und schwieg. Hopser sang weiter.
„Würdest du bitte deinen Gesang einstellen?“
„Du hast mir gar nichts zu sagen.“
„Wer möchte, dass Hopser den Unterricht übernimmt?“
Schweigen.
„Wie du siehst, ist die Klasse an deinem Vortrag nicht interessiert. Bitte richte dich nach dem Willen der Gruppe und singe nicht mehr im Unterricht.“
Hopser sang unbeeindruckt weiter.
„Solltest du deinen AUS-Schalter nicht finden, dann verlass bitte für heute die Schule.“
„Gut, ich gehe alter Mann. Aber der Rauswurf wird dir das Genick brechen, du Penner.“
Er warf, wieder singend, seine Bücher in den Ranzen, schwang ihn sich lässig über die Schulter und verließ im Schlenderschritt den Schatten der Buche.
Am Abend dieses unerfreulichen Tages erschien Hopp, Hopsers Vater, im Bau von Meister Mümmel. Ohne geläutet oder geklopft zu haben, stand er plötzlich in Mümmels Küche.
„Was bildet ihr Lehrer euch nur ein!“, donnerte er gleich los.
„Guten Abend, Herr Hopp“, versuchte sich Mümmel zu fassen.
„Was fällt einem Schlipshasen wie Ihnen ein, meinen Sohn aus der Schule zu werfen!“
„Hopser hat mit seinem Gesang den Unterricht gestört.“
„Und?“
„Auch nach mehrmaliger Ermahnung war er nicht bereit, den Gesang zu beenden.“
„Und?“
„Da die Hasenkinder die Schule zum Lernen besuchen, musste ich ihn bitten, seine Mitschüler dabei nicht zu stören.“
„Und?“
„Es war gerade Mathematik- und nicht Musikunterricht.“
„Und?“
„Finden Sie es denn in Ordnung, wenn alle Schüler rechnen und Hopser singt?“
„Warum sollte mein Sohn nicht singen?“
„Weil Gesang im Mathematikunterricht unerwünscht ist, weil es stört.“
„Mein Sohn ist unerwünscht? Er stört?“
„Das haben Sie missverstanden.“
„Ach, jetzt wollen Sie sich wohl auch noch rausreden, Sie Pauker!“
„Ich bitte Sie, Herr Hopp. Wollen wir nicht beide vernünftig über die Sache reden?“
„Vernünftig? Das hätten Sie sich vorher überlegen müssen.“
„Schon wegen ihres Sohnes, könnten sie mir nicht behilflich sein?“
„Ich Ihnen behilflich? Das ist doch wohl ihr Job.“
„Ihr Sohn lässt seine Begabung brachliegen, weil er hundert Sachen im Kopf hat, immer gegen alles ist und kein Interesse für die Schule aufbringt.“
„Dann wecken sie gefälligst sein Interesse. Ich muss den Eindruck gewinnen, dass er sich in der Schule langweilt.“
„Könnten Sie mit Hopser sprechen? Er ist ein kluger Hasenjunge. Es wäre schade um ihn. Sie sind doch sicher ein einflussreicher Vater, der seinen Sohn über alles liebt.“
„Na, mal sehen. Und schönen Abend noch.“
Als Meister Mümmel „Auf Wiedersehen und vielen Dank“ erwiderte, war die Tür seines Baus bereits ins Schloss gefallen.
Am nächsten Morgen war in der Klasse schon Tumult, als Meister Mümmel an der großen Buche ankam. Hopser stand auf dem Lehrertisch und schilderte seinen Mitschülern in den buntesten Farben, wie sein Vater gestern dem Lehrer die Leviten gelesen habe.
„Und er hat gesagt, er könne sich ohne unsere Eltern nicht gegen uns durchsetzten.“
Die anderen johlten.
„Nicht für euch einsetzten, du verwechselst einiges in deiner Darbietung“, konnte Mümmel dem noch hinzufügen, und: „bitte setzt euch auf eure Plätze.“
Sogar Hopser nahm Platz.
Meister Mümmel behandelte heute die Ernährung der Hasen. Er beschrieb, wo es die leckersten Kräuter und den saftigsten Klee gab. Er lobte den besonderen Wert der Möhren
und des Kohls. Besonders eindringlich warnte er die jungen Hasen vor den Abfallbehältern hinter dem Supermarkt. Dort gäbe es zwar reichlich Nahrung, sie sei aber weder frisch noch sonderlich nahrhaft. Das weitaus größere Übel aber sei, dass sich dort erfahrungsgemäß Ratten und zuweilen auch Füchse herumtrieben.
Hopser erkundigte sich ganz interessiert nach der Halbwertzeit des Karotinabbaus bei der Containerlagerung von Mohrrüben.
Meister Mümmel war erstaunt über Hopsers Interesse. Leider hatte er die exakte Zahl nicht parat.
„Ich werde zu Hause nachschlagen, ob ich in der Fachpresse eine Zahlenangabe über die letzten Messungen finde.“
„Na guckt euch den Alten an“, sprach Hopser zur Klasse gewandt, „die große Fresse und keine Ahnung.“
Keiner sprach ein Wort, Mümmel schluckte. Er wandte sich dem Thema Kohl zu.
Am Ende der Stunde bekam jedes Häschen vom Lehrer Mümmel eine saftige Mohrrübe überreicht als praktisches Beispiel zum theoretischen Unterricht.
Nach der Verabschiedung hoppelten die Schüler grüppchenweise über die Waldwiese nach Hause. Meister Mümmel atmete tief durch. Der heutige Tag war besser gelaufen als gedacht. Sein Herz schlug noch ein wenig schneller als sonst, aber er war ganz zufrieden. Vielleicht sollte er Hopser anhalten, selbst ein wenig in der „Hase und Natur“ zu recherchieren.
Die Hasenjungs schlugen jedoch nicht den direkten Weg zum elterlichen Bau ein. Sie lümmelten hinter dem großen Holunderbusch am Weidezaun herum und beratschlagten über Heldentaten und Streiche.
Hopser schlug vor, dass sich die Gang heute nach Sonnenuntergang hinter dem Supermarkt treffen sollte, um die Riesenfutterbehälter zu erkunden.
„Wozu? Das ist doch eklig“, gab Puschel zu bedenken.
„Das hat etwas mit Mut zu tun, du Schlappohr!“
Und da keiner der Jungs ein Schlappohr sein wollte, verabredeten sie sich bei Einbruch der Dunkelheit am Waldrand.
Fünf Hasenjungs, der harte Kern, waren gekommen. Der Himmel war klar, so dass ihnen der Mond den Weg leuchtete.
„Und was willst du dann mit dem geklauten Gemüse machen? Doch nicht etwa fressen?“, wollte Puschel wissen.
„Ist doch egal, Hauptsache mitnehmen. Wir können es ja dem Mümmel morgen auf den Lehrertisch legen. Vielleicht kann er dann schon den Karotingehalt berechnen“, schlug Hopser vor.
„Also da mach ich nicht mit. Ich finde es gemein, dass ihr den Alten so fertig macht.“
„Streber! Schlappohr!“
Sie waren an dem grauen Betonklotz angekommen, hinter dem die großen Müllcontainer standen.
Es roch ein wenig säuerlich. Unten aus dem Behälter floss eine braune Brühe, an der sich dicke, grünlich schimmernde Fliegen labten. Ratten huschten zwischen den Mülltonnen hin und her.
Puschel lief ein kalter Schauer über den Rücken: „Also, ich brauch das nicht, Leute. Ich hau ab.“
Auch die anderen setzten angewiderte Gesichter auf. Es würde Tage dauern, bis man den Gestank aus dem Fell bekommt.
„Wenn sich keiner traut, geh ich eben allein“, schimpfte Hopser und lief los.
Im selben Moment huschte etwas Rotes, Buschiges über den mondbeschienen Platz. Kurz danach hörten die Hasen einen schrillen, quietschenden Ton, dann knackte es. Es war Hopser.
Der Oberrat der Hasenschule hatte befunden, dass ein Lehrer, der seinen Schülern die Gefahr, von einem Fuchs gefressen zu werden, nicht praxisrelevant vermitteln könne, als nicht ausreichend qualifiziert für eine Hasenschule bewertet werden müsse. Man werde sich von ihm trennen.
So packte Meister Mümmel sein Bündel und verließ den Hasenwald.
Neuer Lehrer an der Hasenschule wurde Meister Böck. Zwar konnte er als Geißbock nicht aus der Erfahrung des Hasenlebens schöpfen, aber er würde sich vor jeder Unterrichtsstunde fleißig das erforderliche Wissen anlesen.
Als er in Begleitung des Hasenschulrates zu seiner ersten Unterrichtsstunde antrat, stand mit großen Lettern auf der Tafel: „Eine Sache gilt als überwunden, sobald ein Sündenbock gefunden“.
Böck stutze, las, schob anschließend seine Brille auf die Stirn zurück, schüttelte den Kopf, sodass sein Ziegenbart wackelte, musterte die langohrige Klasse und begann den Unterricht.
Hinter seinem Rücken schlich der Schulrat zur Tafel, nahm sein Spitzentuch aus der Brusttasche seines silberbraunen Anzugs und putzte die Tafel wieder blitzblank. Dann verließ er unauffällig den Platz unter der großen Buche.
Meister Böck referierte über den Sauerampferbewuchs von Bahndämmen.
Niemals hat ein Schüler nach der Halbwertszeit des Chlorophylls im Sauerampfer gefragt.




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