ad usum proprium 
die literarische Seite von Birgit Gerlach

INHALT / FUNDUS

 

EINE GESCHICHTE - EIN MOMENT - FUNDUS


Die Brücke                    27.03.2022

Der zufriedene Kunde                    08.01.2022

Weihnachten 2015                     01.12.2021

Genderi-Gendero                     21.09.2021

Martha                       17.01.2021


27.03.2022



Die Brücke


Hell leuchtete ihr Sandstein in der Sonne. Unter ihren Bögen grasten schwarz-weiße Kühe, über sie hinweg fuhren Autos, Traktoren, Panzer und Pferdekutschen.
Sie hat Generationen von Menschen den Weg über die Elbe ermöglicht, aus der Aue kommend auf dem Weg in Richtung Schloss und Stadt und umgekehrt. Mehrmals wurde sie verändert und angepasst. Doch niemals hat sie versagt, immer war sie zu Diensten. Selbst als im Jahre 1942 das große Hochwasser das Torgauer Umland in einen Riesensee verwandelte, blieb sie allen Umständen zum Trotz standhaft. Auf die zweihundertjährige Dame war Verlass. Sie vermittelte im Laufe ihres Daseins nicht nur vom rechten zum linken Elbufer, in diesem Falle von Ost nach West, sondern auch zwischen den großen Mächten dieser Welt. Im März 1945 schaffte sie es, obwohl zwei ihrer Bögen durch deutsche Truppen gesprengt worden waren, die Russen und die Amerikaner zusammenzuführen und damit den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Dafür bauten ihr die Torgauer ein Denkmal. Touristen aus aller Welt kamen, um ihr Ehre zu erweisen. Und täglich leistete sie bei aller Berühmtheit Schwerstarbeit: Fußgänger, Autos, Lastwagen, Busse hinüber und herüber. Es waren nicht zwanzig oder hundert Wagen, sondern Tausende rasten und holperten über ihr altes Kopfsteinpflaster hinweg, immer mehr und immer schneller. Bis die alte Brücke Risse bekam.
Die Alte sei nicht mehr belastbar hieß es, sie müsse weg. Wir brauchen Neues und Besseres. Und plötzlich geschah es. Die Pfeiler wurden gesprengt, die Stahlkonstruktion stürzte haltlos in die Tiefe, der Schutt wurde abtransportiert.
Heute ist neben dem neuen Bauwerk aus kaltem Stahlbeton, das den Fluss überspannt, nur noch der Kopf des alten zu sehen. Er sagt: Es gab mich einmal, die Brücke aus hellem Sandstein, der in der Sonne leuchtete und unter deren Bögen schwarz-weiße Kühe grasten.




08.01.2022



Der zufriedene Kunde


Immer dasselbe. Dieses Mal die Kartoffeln vergessen! Ich lief los.
Erst jetzt fiel es mir auf: Der Schuttberg mitten in der Stadt war verschwunden. Ganz früher hatten an dieser Stelle ehrwürdige Bürgerhäuser gestanden, die jedoch niemandem mehr zu gehören schienen. Stück für Stück waren sie zusammengefallen. Irgendwann wurde ein Zaun darum gezogen, so war alles gesichert. Später war die Fläche planiert worden. Und ein Supermarkt wurde darauf gebaut, mit einem riesengroßen Parkplatz.
Nach ein paar unsinnigen Runden im neuen Markt stieß ich endlich auf die bekannte Drahtgitterkartoffelbox, schnappte mir ein Netz festkochender Erdäpfel, genauso stand es auf dem Etikett, suchte mir die kürzeste Kassenschlange aus und erlebte wieder einmal, wie sie sich gleich nachdem ich mich angestellt hatte, magisch verlängerte. Großfamilieneinkäufe, nicht abgewogene Obsttüten, Schokoladentafeln ohne Scan-Codes, aus Schachteln entlaufene Eishasen und tropfendes Shampoo rollten an der Kassiererin vorbei. Jedes Mal, nachdem sie das Geld in die Kassenschublade sortiert hatte, fragte sie freundlich: „Waren Sie mit Ihrem Einkauf zufrieden?“
Die Mutter der Großfamilie musste das Süßigkeitenregal neben der Kasse vor dem Zugriff ihrer Zwillinge schützen und kam nicht zum Antworten, weil inzwischen das größte ihrer Kinder schon den Eishasen geköpft hatte, der aus der Schachtel geflohen war. So ganz zufrieden sah sie nicht aus.
Der nächste Kunde war ein Mann in einer zerbeulten grauen Hose und einem grünlich speckigen Anorak, dazu trug er Mokassins, obwohl es Mitte Februar war. Ihn umgab ein Geruch von Urin und Zigaretten. Seinen Einkauf hatte er auf das Band gelegt. Mit zittriger Hand reichte er der Kassiererin statt Geld einen Dederonbeutel mit leeren Flaschen. Wortlos nahm sie ihm den Beutel ab und sortierte den Inhalt in einen Flaschensammler. Er nahm ihn zurück, nestelte auf der Suche nach der Öffnung eine Weile daran herum und steckte schließlich seine Schnapsflasche in die Anoraktasche. Die Kassiererin fragte: „Waren Sie mit Ihrem Einkauf zufrieden?“
Er grunzte nur kurz und verschwand.
Mein Kartoffelnetz war dran. Ein paar Kartoffelkeime stachelten durch die Maschen. Schon war es  mit „piep“ über den Scanner gerutscht.
Und die Kassiererin fragte: „Waren Sie mit Ihrem Einkauf zufrieden?“
Ich lächelte, nahm mein Kartoffelnetz und ging meiner Wege.



01.12.2021



Weihnachten 2015


Die Autobahn war fast leer, der Wagen glitt durch die sonnenüberflutete hügelige Landschaft, das Radio dudelte. Es war Weihnachten. Die Säcke mit den Geschenken, es passte unmöglich alles in einen, hatten wir bereits am Vorabend im Kofferraum verstaut. Nach einem gemütlichen Frühstück waren wir aufgebrochen. Von Kilometer zu Kilometer fiel der Stress der letzten Tage und Wochen von unseren Schultern, und es machte sich eine heitere Gelassenheit breit. Bayern 3 sendete Nachrichten. Wieder hatte eine Flüchtlingsunterkunft gebrannt. Dieses Mal nicht in Sachsen oder Sachsen-Anhalt, von der Presse als rechtsradikal und sich vernachlässigt fühlend gehandelt, sondern im friedlichen, ausgeglichenen Baden-Württemberg. Keiner im Auto hatte Lust, die Nachricht zu kommentieren. Zu viele, schier nicht enden wollende Diskussionen über das Flüchtlingsthema hatten den unruhigen Herbst und die Vorweihnachtszeit begleitet. Der familiäre Abendbrottisch hatte einer Talkrunde verschiedener politischer Fraktionen geglichen. Die Jugend wollte sofort helfen, ohne Wenn und Aber. Die Elterngeneration war eher für Abwägen, erst einen tragbaren Plan machen, dann handeln. Es hatte nervenzerreißende Meinungsverschiedenheiten gegeben. Die Jungen engagierten sich in der freiwilligen Flüchtlingshilfe, die Alten kämpften täglich in einem Wust von Vorschriften, Möglichkeiten und Notwendigkeiten, um der Herausforderungen Herr zu werden. Jetzt war Weihnachtsfrieden.

Wir verließen die Autobahn und fuhren dem Familienfest entgegen. Die Straße wand sich den Berg hinab und tauchte in das Tal ein, in dem malerisch an den Berghängen die Häuser der kleinen Stadt klebten. Alles war wie geleckt und wunderschön weihnachtlich geschmückt. Wir überquerten den Fluss, fuhren wieder ein kleines Stück bergauf und erreichten das am Hang gelegene Anwesen unserer Verwandtschaft. Schwanzwedelnd begrüßte uns der Hund, und ein großer Topf schmackhafter Hühnersuppe erwartete die Gäste. Das große Wohnzimmerfenster gab einen herrlichen Blick über das von der Wintersonne beschienene Tal frei. Der Fluss glitzerte, und die Häuser erinnerten an eine Spielzeugstadt. Die Industriebetriebe des wohlhabenden Ortes entzogen sich dem Blick des verzückten Betrachters. Hinter den sieben Bergen taten sie ihre Arbeit. Genau auf dem Berg gegenüber war eine Standseilbahn zu sehen, die von den Einwohnern Russenrutsche genannt wird. Sie verbindet eine Plattenbausiedlung, die schemenhaft auf dem Bergrücken zu erahnen ist, mit dem Stadtzentrum. Zu Beginn der neunziger Jahre wurden dort Umsiedler aus Russland einquartiert. Jetzt rutschen mit der Bahn nicht nur Irinas und Serjoschas, sondern auch Ranas, Abduls, Nurs und Mohameds vom Berg in die Stadt hinab.

Von Westen her rollte ein für den heutigen Besuch sorgsam handpolierter dunkelroter Kleinwagen auf die Stadt zu.

Nach dem Abbiegen musste Hanna die Sonnenblende herunterklappen. Zur Feier des Tages war sie heute Morgen noch schnell beim Friseur gewesen. Leider, so fand sie, war dieses Mal sein Werk weit weniger gut gelungen als jedes vorige Mal. Ihre Tochter auf dem Beifahrersitz trug ihren zweitbesten Pullover. Den besten hatte sie beim Frühstück mit Kakao bekleckert.

Hanna war es als Vertriebsleiterin gewohnt, mit Kunden zu verhandeln und Entscheidungen zu fällen. Heute jedoch kam sie sich vor wie ein kleines, dummes Mädchen. Es sollte das erste gemeinsame Weihnachten mit Ralf werden, der in diesem verschlafenen Nest eine Klempnerei betrieb, die seine Eltern in den fünfziger Jahren gegründet hatten und die seitdem gediehen und gewachsen war. Auch die Familien seiner Schwestern waren eingeladen. Die Neue sollte begutachtet werden. Sie durchfuhr den letzten Bogen der kurvenreichen Strecke, ließ das Ortseingangsschild und die Talstation der Standseilbahn hinter sich und tauchte ein in die weihnachtliche Kleinstadtidylle.

Dorothea sah fünfmal nach, ob sie die Mappe mit ihrem Text in die Tasche gesteckt hatte und ob der Text auch wirklich in der Mappe war. Auf die Brandblase auf ihrem Handrücken, die der Rand der Bratröhre hinterlassen hatte, klebte sie noch schnell ein Pflaster. Dann warf sie den Mantel über und machte sich auf den Weg. Es war das erste Mal, dass der Pfarrer das Verlesen der Weihnachtsgeschichte aus der Hand gegeben hatte. Schon von der Brücke aus sah sie die Chorsänger vor der Kirche stehen, sie musste sich sputen.

Nachdem wir die beiden Großmütter abgeholt hatten, machten wir uns auf den Weg zur Christmesse. Die Brücke über den Fluss war angeleuchtet, die Straßenränder von Bäumchen gesäumt, die mit Basteleien von Kindergartenkindern geschmückt waren. An der Ecke, auf der Terrasse über einem türkischen Lokal, stritten zwei Männer lautstark. Auf der Straße begrüßten sich die einheimischen Kirchgänger.

Beim Betreten der Kirche wurden die Gläubigen und auch die Ungläubigen empfangen und Dorothea half ihnen, Plätze zu finden. Auch uns unterstützte sie freundlich, die großmütterlichen Rollatoren zu verstauen. Das vierhundertjährige, in beige und weiß getünchte Kirchenschiff war hell ausgeleuchtet, der große Weihnachtsbaum mit unzähligen großen Sperrholzsternen geschmückt.

Die Begrüßung der Gemeinde durch den Pfarrer verlief sehr sachlich, er dankte einer Liste von Spendern und Unterstützern der Kirchenarbeit.

Unsere Omas kramten in ihren Handtaschen.   

Dorotheas Herz raste. Erwartungsvolle Stille erfüllte den Raum, als sie mit ihrer Mappe nach vorn trat.

„Es begab sich aber zur der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, ...“ Die Anspannung fiel von ihr und über die Kirche legte sich eine schwere Feierlichkeit, die man diesem hellen und nüchternen Gotteshaus nicht zugetraut hätte.

Nachdem „Stille Nacht, heilige Nacht“ verklungen war, ging ein Raunen durch die Reihen und der barhäuptige, stramm gebaute Pfarrer erklomm die Kanzel.

„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe“, wiederholte er die Zeilen aus der Weihnachtsgeschichte. An die nachfolgenden Sätze erinnert sich im Nachhinein niemand mehr genau, vergessen, nicht richtig zugehört, geträumt, verdrängt. Die Erinnerung trügt. So oder anders könnte es gewesen sein, was die alles beherrschende Stimme verkündete: „... denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge ...

Sie hatten sonst keinen Raum ..., keinen Raum als in der Flüchtlingsunterkunft, ... denn sie haben hier keinen Raum, ... jeder braucht seinen Raum, jene und auch wir, ... so wie Gott es vorgesehen hat ... Doch da gibt es eine Frau, die behauptet: Wir schaffen das!“ Das scharfe „S“ zerschnitt die feierliche Stille. „Ach du meine Güte!“, zischte es über die Gemeinde. „Güte? ... Gut sein ... Gut haben ... Wessen Gut? ...Hat das etwas mit Güte, mit gütig sein, zu tun? ... Was geschieht dabei mit uns? ... Ist das recht? ... Ist das gerecht? Denn es muss gerecht zugehen in diesem Land. Deshalb: Jedem das Seine!“

Wie vom Donner gerührt erstarrte Hanna auf der Kirchenbank. Hatte sie sich verhört? Sie sah sich um. Alle Mienen um sie herum waren verschlossen, ungerührt. Doch ein Hörfehler? Dann hatte sie nur noch einen Gedanken: Raus hier! Ihr Blick glitt zu Ralf und der Klempnerdynastie im feinen Tuch. Keine Regung. Merken die nichts? Wenn sie jetzt aufspringt, ist Weihnachten gelaufen. Und die Beziehung zu Ralfs Familie auch. Wenn er wenigstens einen Blick mit ihr tauschen würde! Dann sank sie in sich zusammen, fühlte sich gefangen in der Riege ordentlicher Bürger, in der sie nicht zum Rebellen werden wollte.

Nachdem endlich „Oh, du fröhliche ...“ verklungen war, taumelte sie wie benommen aus dem Gotteshaus, bog in die Altstadtgassen ein und ließ den Lärm der weihnachtlichen Kirchgänger hinter sich. Der Glockenklang hallte in ihr nach, und sie wusste, irgendetwas ist hier falsch.

Der Platz vor der Kirche war angefüllt von Weihnachtswünschen und Umarmungen. Die Oma schniefte noch in ihr Taschentuch. „Schön, dass der Pastor auch über uns Flüchtlinge gesprochen hat. Frohe Weihnachten!“ Sie stammt aus Schlesien und hat ihre Flucht nie verwunden. Die andere Großmutter, eine bodenständige, herzliche Frau, war dankbar, mit ihrer Familie zusammen hier zu sein. „Des woar oaber scheen!“, rief sie und küsste alle im Überschwang der Gefühle.

„War die Weihnachtspredigt nicht unter aller Würde?“, konnte ich endlich meinen Neffen, einen Junglehrer, fragen. „Pst“, hielt er seinen Finger vor den Mund, „nicht hier vor der Kirche. Hier kennt jeder jeden.“ „Na und“, entsetzte ich mich, „dann wird es wenigstens zum Stadtgespräch.“ Er verdrehte die Augen. Ein ehemaliger Schulfreund, Dorotheas Sohn, tippte ihn an die Schulter, sie begrüßten sich herzlich. Er hatte unser Gespräch gehört und fand die Predigt regelrecht kriminell. Auch er war an die Toraufschrift von Buchenwald erinnert worden.

Allmählich löste sich die Menschenansammlung auf dem Kirchplatz auf, jeder ging seinem eigenen heimischen Heiligen Abend entgegen. Dorothea trat aus der jetzt fast leeren Kirche und gesellte sich zu unserer Gruppe. Nach guten Wünschen und Lob für ihren Vortrag wurde auch sie von ihrer und unserer Familie zum Fauxpas des Pfarrers befragt. Völlig verständnislos über unsere Aufregung verwies sie auf die Loyalität ihres Chefs, der sich lediglich auf Platon und Aristoteles bezogen habe.

So schulterten wir diverse Weltsichten und machten uns auf den Heimweg. An der Ecke über dem Türken diskutierten noch immer die beiden Männer, unten im Lokal wurde geschwatzt und gelacht.

Zum Weihnachtsschmaus gab es Neunerlei, ein besonderes Geschenk für unsere Großmütter. Wenn man den Weisheiten aus dem Internet trauen darf, ist dies die unverzichtbare weihnachtliche Traditionsspeise aus Schlesien, um der Familie im kommenden Jahr Gesundheit, Fruchtbarkeit und Wohlstand zu bescheren. Auch im Vogtland werde dieser Brauch gepflegt, ist zu lesen. Es muss Stroh unter der Tischdecke ausgestreut sein und unter jeden Teller gehört eine Münze. Ganz wichtig ist, dass ein überzähliges Gedeck für einen fremden, bedürftigen Gast auf der Festtafel steht. Jedoch weder die Oma aus Schlesien noch die aus dem Vogtland hatte jemals in ihrer alten Heimat diese Traditionsspeise gekocht oder auch nur gegessen, wie wir erfahren mussten.

Der Junglehrer erzählte begeistert von seiner Schule, berichtete anschaulich vom Biologieunterricht. Um zu zeigen, wie er den Schülern die Begattung der Kröten erklärt, sprang er auf den Rücken seines Vaters. Die Mädchen kreischten und die Alten prusteten vor Lachen.

Anschließend wurde feierlich die Bescherung zelebriert, jeder hatte sich etwas Besonderes ausgedacht, ein Gedicht, einen Sketsch, einen gemalten Witz. Und auf einmal war es Mitternacht.

Die Festgesellschaft trat hinaus. Die Stadt leuchtete und glitzerte im Tal, am gegenüberliegenden Berg markierten Lichter den Verlauf der Standseilbahn.

Auf den Balkonen des Kirchturms wurden Laternen geschwenkt. Die Turmbläser schickten den Weihnachtsfrieden in die Welt. Stille Nacht, heilige Nacht.



21.09.2021



Genderi - Gendero


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Corona vernebelt unser Gehirn. Alles dreht sich um Inzidenzen, um Lockdown ja oder nein, Kontaktregeln, Impfstoff, Teststrategien ohne Tests, Proteste, Regierungskrisen, Aufdecken von Verschwörungen. Unbemerkt in all diesem Chaos hat sich durch die Hintertür „Innen“ nun endgültig in unser Leben eingeschlichen, und das nicht nur in Zeitschriften, die sich für progressiv oder feministisch halten, nein, überall lugt es aus den Ecken.

Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn hatte ich, ohne einen besonderen Gedanken daran zu verschwenden, auf den Rezept- und Formularstempel unter meinen Namen die Berufsbezeichnung „Facharzt für Allgemeinmedizin“ drucken lassen. Erst zu spät fiel es mir auf, dass ich in einigen Briefen, die mich als Rückantwort auf eine Überweisung erreicht hatten, von meinen Kollegen mit „Herr“ angesprochen wurde, und das, obwohl mein Vorname fett in der ersten Zeile des Stempelabdrucks zu lesen war und sich in keiner Weise männlich anhört. Gut, es gibt auch Männer mit weiblichen Vornamen, doch wurde dem Maria als Hinweis auf das Geschlecht des Namensträgers sicherheitshalber der Karl hinzugefügt. Damals fand ich die Vermännlichung durch meine Kollegen einfach nur nachlässig, und zugegebenerweise hat es mich in höchstem Maße belustigt.

Die Tatsache, dass man als Frau wirklich klug sein muss, um als solches zu gelten, halte ich für unbestritten. Da reicht es nicht, während der Vorlesung dem Professor eine Frage zu offerieren, die mit einem viertelstündigen Vortrag der sonnigen Selbstdarstellung beginnt, und das eigentliche Anliegen zur Belanglosigkeit verkümmern lässt. Nein, solche Szenarien kann man sich als Frau nicht leisten. Die Männchen dächten: Was quatscht die so ewig? Die Frauen würden brüskiert die Nestbeschmutzerin von sich weisen, die klüger sein will, als der Rest aller Weibchen: Die soll den Mund halten und zuhören.

Sehr viele Jahre später hatte ein jüngerer, freundlicher, neuer Kollege seine Praxis am anderen Ende der Stadt eröffnet. Und es begab sich, dass dieser zudem auch sportbegeisterte junge Mann wiederholt bei der Ausübung seines Sports zu Fall kam, leider auf derart schmerzhafte Weise, dass er nach einer Vertretungspraxis für seine Patienten suchen musste. Es stand für mich außer Frage, sofort in die Bresche zu springen. Und auch er tat dies später mehrfach für mich. Doch bei jener allerersten Vertretung hatte ich den Eindruck, dass mir seine Patienten mit einer gewissen Herablassung entgegen traten, so, wie: „Unser guter Doktor ist nicht da, nun müssen wir in Kauf nehmen, was kommt. Mal sehen, ob die das überhaupt kann.“ Im Unterschied zum Gespräch mit meinen eigenen Stammpatienten fiel mir ein dezent misstrauischer, reservierter Unterton auf. Als sich in den Folgejahren die Vertretungen für den sportlichen Kollegen, auch ohne Unfälle, wiederholten, einige seiner Patienten schon mehrfach in meiner Sprechstunde gewesen waren, änderte sich ihr Verhalten. Sie traten mir offener und vertrauensvoller entgegen. Vermutlich hatte ich die Prüfung bei ihnen bestanden.
Bei den Patienten einer Kollegin, die ich ebenfalls regelmäßig vertrat, ist mir solches Gebaren niemals aufgefallen. Sie akzeptierten mich ohne Umstände und waren froh, eine Anlaufstelle zu haben, wenn ihre Hausärztin nicht da war.

Ab jetzt soll alles anders werden. Es wird unentwegt „Innen“ gesagt, um zu betonen, dass es Männchen und Weibchen gibt, niemand würde es sonst merken. Bisher kaufte ich das Brot beim Bäcker, egal ob ein Mann oder eine Frau hinter dem Ladentisch stand, habe den Schornsteinfeger bestellt, ihn auch dann eingelassen, wenn eine Fegerin vor der Tür stand, und bin gelegentlich zum Friseur gegangen, der in meinem Fall immer eine Frau war.

Meine Tochter hatte während ihres Studiums einen Nebenjob. Sie hat an der Hochschule Formulare,  Anweisungen und unzählige Schriftstücke überarbeitet, sie gendergerecht umgestaltet. Dafür scheute man weder Kosten, noch den Einsatz von Ressourcen. Bleibt zu hoffen, dass dies dem Selbstbewusstsein der weiblichen Studierenden von Nutzen war. Ja, Studierenden, denn Studenten gibt es nicht mehr, weil die Studentinnen nicht in den Studenten enthalten sein sollen, wie ich früher fälschlich vermutet hatte, als ich selbst noch wähnte, zu den Studenten zu gehören.
Es drängt sich die bange Frage auf, was ist mit denen, die auf dem gegenderten Formular das Kreuzchen bei divers setzen? Sie sind sehr wohl Studierende, aber weder Bäcker noch Bäckerin. Selbst wenn sie dann Backende sind, was sind sie nach Feierabend? Die Antwort auf die Frage nach dem erlernten Beruf müsste dann „in meiner Arbeitszeit Backender“ lauten. Oder Backende? Oder Backendes? Das wäre noch diskriminierender, da sächlich eine Sache bezeichnet, keine Person. Also eine Unperson? So wie auch ein Kind nur eine Sache zu sein scheint. Die Kinder sollten umgehend gegen das Pronomen ihrer Einzahl zu Felde ziehen. Warum fällt niemandem die Herabsetzung unseres Nachwuchses auf? Sollte nur noch von Jungen oder Mädchen die Rede sein? Und wie heißt der-die-das Kind zwischen den Geschlechtern?

Eines Tages lief ich am Fluss entlang und begegnete dem Mann mit den Hunden, den ich oft dort treffe. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir, dass er Lehrer sei, und er erkundigte sich nach meinem Beruf. Die Antwort „Arzt“ korrigierte er umgehend: Sie meinen Ärztin. Nein. Meine ich nicht. Doch ich schwieg. Genauso wie ich Hunde noch immer für Hunde halte und niemanden befrage, ob er von einem Hund oder einer Hündin gebissen wurde, sondern mich um die Versorgung der Wunde kümmere. Und die Katze, die in meinen Garten auf dem Petersilienbeet ihre Notdurft verrichtet, wird verscheucht, egal ob es ein Kater oder eine Katze ist, auch dann, wenn der Kater durch die Subsummierung in den Sammelbegriff Katze seelischen Schaden nimmt. Der Haufen stört mich in männlicher und weiblicher Form beim Unkrautjäten, und beim Kräuterernten für den Salat allemal.

Vermutlich muss ich mir psychologischen Beistand suchen. Therapeut oder Therapeutin ist hier die Frage. Ich fühle mich durch diese Innen-Marotte in einen bestimmten Teil der Menschheit sortiert, ausgesondert, fühle mich nicht unter die Spezies Mensch im Allgemeinen integriert. Ich wäre so gern Mensch unter Menschen.  Müssen wir die Menschheit aufteilen? Auch als Rothaarige habe ich das Recht, unter allen Blonden, Braunen, Schwarzen, Grauen und Glatzköpfigen ausnahmslos als Mensch gesehen zu werden. Möchte weder wegen meiner Rothaarigkeit verachtet, noch als Hexe verschrien werden, noch fordere ich eine besondere Behandlung wegen meiner auf dem Scheiterhaufen umgekommenen Vorfahren. Die Schmähungen in meiner Kindheit wegen dieses Merkmals habe ich ohne bleibenden Schaden überstanden.
Die Hoffnung, dass die Gender-Sprach-Geschwüre irgendwann wieder abheilen könnten, habe ich noch nicht begraben. Zweifel daran werden jedoch immer wieder von der Willfährigkeit der Leisetreter genährt, die sich vor den, wohl in erster Linie für sich selbst sprechenden, Moralaposteln abducken. In dem Verhalten untereinander, das aus generationenübergreifenden Ressentiments resultiert, bürgert sich dadurch lediglich der Gebrauch einer gespalteten Zunge ein.
Meine Fraktion, die Frauen, sollten sich als den halben Teil der Menschheit begreifen, nicht als einen besseren oder einen besonders schützenswerten. Gut, sie sind privilegiert, weil nur sie die Kinder gebären können, was den Männchen, wie bei den meisten Tieren, verwehrt ist. Aber sie können durchaus bereit sein, die Freude an der Aufzucht der Jungen mit dem benachteiligten, männlichen Part der Menschheit zu teilen. Und Männchen könnten verstehen, dass sie auch dann geliebt werden, wenn sie nicht die Heldenrolle ausfüllen. Realitätssinn täte allen gut, dann wäre es kein Makel mehr, wenn der Rivale oder Vorgesetzte weiblich ist. Zuweilen sind zur Erlangung eines besonderen Amtes das Katz- oder Katerbuckeln oder andere tierische Fähigkeiten vonnöten. Egal wer es besser kann, eine Schande ist es männlich und weiblich. Die eine Hälfte der Menschheit gegen die andere in Stellung zu bringen, kann nur eine Riesendummheit sein. Welche Macht profitiert davon?

Gestern auf dem Heimweg stand ich an der roten Ampel. Im Radio liefen die Achtzehn-Uhr-Nachrichten, Meldungen rankten sich um BürgerInnen und KünstlerInnen. Welch widerlicher Abbruch im Redefluss! Und wieder der Ausschluss der Weibchen aus der Kohorte der Bürger und Künstler! Vor Schmerz schrie ich auf. Tränen der Wut stiegen mir in die Augen. Jahrelang habe ich in dem Selbstverständnis gelebt, ich gehöre mit dazu. Nur weil ein paar BesserwisserInnen glauben, sie könnten sich im Leben besser behaupten, wenn mit permanent erhobenem Zeigefinger hinzugefügt wird, die Mädels gehören aber auch dazu, ätsch, werde ich als Gebeutelte aus meiner bisherigen Zugehörigkeit zu Menschen, Bürgern und Ärzten ausgeschlossen. Lebt es bitte, liebe Innen, und quält nicht meine Ohren und meine Seele! Durch diese Tortur werdet ihr nicht die Beachtung erlangen, nach der ihr so lechzt! Ich schlage auf den Ausschaltknopf des Radios und brülle noch lauter.
Grün. Der Mann hinter mir hupt und tippt sich mit dem Finger an die Stirn. Typisch Frau am Steuer.


 

17.01.2021

Erwin und Martha kannten sich seit mehr als sechzig Jahren. Er hatte mit zweiundzwanzig ihre beste Freundin Lisa gefreit, kurz danach heirateten Martha und Gerhardt. Und auch die Männer wurden Freunde. Dann starb Lisa viel zu früh. Acht Jahre später wurde Martha Witwe. Seitdem verbringen die beiden Übriggebliebenen die Wochenenden und Festtage miteinander, nicht mehr und nicht weniger.  

Obwohl sie nicht mit mir verwandt ist, nenne ich Martha Tante. An ihrem Küchentisch habe ich meine Hausaufgaben erledigt, ihr beim Kochen und Putzen, beim Pflanzen und Jäten zugeschaut, auf ihrem braunen Plüschsofa in staubig riechenden Büchern geschmökert, solange, bis das Knarren der Flurtreppe zu hören war, dann ein heiseres Klingeln und mich meine Mutter, müde von der Arbeit, mit nach oben in unsere Wohnung nahm.

Heute trennen mich zwei Stunden Fahrstrecke von Martha, dennoch lasse ich es mir nicht nehmen, in der Weihnachtszeit bei ihr vorbeizuschauen. Zwei Tage nach meinem diesjährigen Besuch rief  sie an, sie war völlig aufgelöst. Erwin hatte plötzlich hohes Fieber bekommen und musste ins Krankenhaus. Zu Silvester kam der nächste Anruf. Erwin war tot. Es sei Corona gewesen.

Erst als man im neuen Jahr wieder begonnen hatte zu arbeiten, kreuzte eine Frau vom Gesundheitsamt bei ihr auf und wies Quarantäne an. Solange Martha nichts fehle, sei das ausreichend, beschied sie, auf das Virus testen müsse man nur die Berufstätigen.

Ich hatte das Amt meiner Stadt selbst informiert, mein Abstrich fiel positiv aus, also hatte mich Erwin angesteckt. Zwei Wochen lang war ich in meine Wohnung verbannt, auf der Baustelle blieb alles liegen.

Das Anstrengendste in dieser Zeit jedoch waren die Telefonate mit Martha. Über Erwin verlor sie erstaunlicherweise kein Wort. Lautstark oder leise weinend beklagte sie ihre Gefangenschaft, dann bekam sie Husten und bestellte ihren Hausarzt. Der hatte sich im Treppenhaus vor ihrer Wohnung einen Schutzanzug, eine Maske und ein Gesichtsschild angelegt. Dummerweise öffnete just in diesem Augenblick Frau Speer von gegenüber neugierig ihre Tür. Mit offenem Mund starrte sie wie gebannt auf den Außerirdischen. Ewige Sekunden vergingen, bis sie sich aus ihrer Versteinerung lösen und die Tür wieder zuschlagen konnte.

Der Arzt untersuchte Tante Martha gründlich, zum Schluss entnahm er mit einem Wattestäbchen aus ihrem Rachen einen Virustest. Seit er ihr gesagt hatte, dass es keine Lungenentzündung ist, war der Husten nicht mehr ganz so schlimm.

Dramatisch war die nächste Begegnung mit Frau Speer. Obwohl ich der Tante eingeschärft hatte, die Wohnung nicht zu verlassen, war sie dennoch hinab zum Briefkasten gelaufen, weil sie die Pflegeschwestern, die täglich ihre geschwollenen Beine verbinden kamen, nicht darum bitten wollte. Frau Speer kehrte mit zwei großen Taschen beladen vom Einkauf zurück. Als sie Martha gewahr wurde, warf sie ihre Einkäufe vor die Briefkästen und stürzte wieder aus dem Haus. Bei ihrem Bericht darüber schluchzte Martha in den Telefonhörer. Nun sei sie eine Aussätzige.

Erst zwei Tage später erfuhr auch sie von ihrem nicht überraschenden, positiven Testergebnis. Die Fortsetzung des Kontaktverbotes war amtlich. Keine Menschenseele treffen! Wenn sie wenigstens in den Park gehen könnte! Noch zwei Wochen Knast, das ist nicht auszuhalten! Sie verfluchte den Arzt. Warum hatte er ihr das angetan? Musste er diesen blöden Abstrich machen? Sie vertraute ihm, seit er damals bei ihr seine Gartenpflanzen gekauft hatte. Ab sofort nicht mehr! Er hatte es verwirkt. Wenn sie in der Wohnung eingesperrt ist, jammerte sie, sei ihr Leben sinnlos. Dann will sie lieber gleich sterben.

Meine Quarantäne ist zu Ende, es geht mir blendend. Endlich kann ich mit dem Elektriker zur Baustelle gehen, seit Wochen habe ich auf ihn gewartet. Als wir zum ersten Stock hinauf steigen, bleibt er keuchend auf halber Treppe stehen, entschuldigt sich. Er habe im September die Coronakrankheit gehabt. Für ihn sei es ein Erfolg, dass er die acht Stufen schafft. Gegen Mittag verabschieden wir uns, alles ist besprochen.

Zurück im Büro sehe ich den Anrufbeantworter blinken. Martha. Mit gemischten Gefühlen wähle ich ihre Nummer. Los, geh schon ran! Endlich. „Halloho“, tiriliert sie, „ich darf wieder rausgehen!“. Und ein Redeschwall lässt mir die Ohren klingen. Zum Schluss druckst sie etwas herum: „Ich wollte noch erwähnen, dass ich mir das mit dem Sterben noch einmal anders überlegt habe.“

Mit einem tiefen Seufzer lasse ich mich in den alten Ledersessel fallen. Mein Blick gleitet zum Fenster. Erst jetzt fällt es mir auf. Es hat tatsächlich geschneit.


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